Norwegen: Eine verrückte Geographie und 33000 Soldaten – Neue Konzentration der Sowjets in der Arktis

Norwegen hat eine verrückte Geographie",sagte der amerikanische Oberst, der im Zweiten Weltkrieg auf den Inseln des Pazifik gegen die Japaner gekämpft hatte und heute dem NATO-Hauptquartier Nord zugeteilt ist.

Es war die Zeit vor dem Lunch. Die .Offiziere des Stabs in Kolsaas, einige Kilometer außerhalb Oslos, nahmen einen kleinen Drink. Viele Uniformen: norwegische, dänische, englische, amerikanische und auch die eines deutschen Marineoffiziers, aber nur eine Sprache: Englisch. Selbst ein Norweger und ein Däne unterhielten sich im NATO-Dialekt. "Eine verrückte Geographie", wiederholte der Amerikaner.

Mir fiel eine Formulierung Arthur Koestlers ein, der Norwegen respektlos eine "lange, faltige Wurst" genannt hatte. Über 1700 Kilometer erstreckt sich dieses von Fjorden zerfressene, von Gebirgen zerklüftete Land nordsüdwärts. An der schmälsten Stelle ist es nur sieben Kilometer breit, "Die Schweizer Garde des Papstes ist uns näher als unsere eigene Garnison am Eismeer", lachte der Amerikaner. "Wie soll man ein solches Land verteidigen? Ich habe einmal einen Aufsatz geschrieben: einen Vergleich zwischen der Verteidigung einer Pazifik-Insel und Norwegens. Es gibt eine fatale Ähnlichkeit:

Auch wir waren nicht in der Lage, auf jeder Insel so viel Truppen einzusetzen, daß sie gegen einen massierten Angriff verteidigt werden konnte. Alles hing davon ab, daß rechtzeitig Verstärkung kam. Denken Sie an die norwegische Brigade, die nördlich des Polarkreises stationiert ist! Sie ist genau so isoliert, wie wir es auf einer Pazifik-Insel waren. Wenn die Russen tatsächlich mit einigen Divisionen dort angreifen, kann sie sich auf die Dauer nicht halten. Aber sie muß versuchen, wenigstens so lange standzuhalten, bis andere NATO-Truppen kommen."

Der Amerikaner trank sein Glas aus. "Damals im Pazifik, da kamen wir einmal 24 Stunden zu spät, nur 24 Stunden..."

Wie wichtig die NATO-Nordflanke – und insbesondere Norwegen – für die atlantische Verteidigung geworden ist, das läßt sich am besten an den Truppenbewegungen der Sowjets ablesen. Sie haben ihre Eismeerflotte beträchtlich verstärkt, zum Teil mit Einheiten aus der Ostsee. Sie haben neue Raketenbasen und Luftstützpunkte auf der Halbinsel Kola angelegt. Wer Nordeuropa beherrscht, hat freien Zugang zum Atlantik und kann die lebenswichtigen Versorgungslinien zwischen Amerika und Europa bedrohen. "Falls es zu einer kriegerischen Auseinandersetzung kommt, müssen wir damit rechnen, daß die Sowjets schon in der ersten Phase in Nordnorwegen angreifen werden." So lautet der Kernsatz der Lagebeurteilung im NATO-Hauptquartier Nord.