Das ständige Wachsen der Spareinlagen, die zunehmende Beteiligung am Wertpapiersparen und auch die vielen neuen Eigenheime zeugen davon, daß es breiten Bevölkerungsschichten in den letzten Jahren möglich gewesen sein muß, "etwas auf die hohe Kante" zu legen. Ohne Zweifel war es in den meisten Fällen der Lohn für eine harte Arbeit, die sich gerade bei den Selbständigen und bei den Freiberuflichen nicht in das Schema einer 45-Stunden-Woche pressen ließ. Ich möchte es auch hier wieder betonen, meine verehrten Leser: Es gehört zu den tragischen Ereignissen unserer Zeit, daß unsere älteren Mitbürger, die durch Krieg und Währungsreform um ihre finanzielle Altersversicherung gebracht worden sind, nur ungenügend am "Wirtschaftswunder" teilhatten. Sie waren nicht mehr in der Lage, ihre Arbeitskraft voll einzusetzen, außerdem sind die Entschädigungen, die man ihnen zu bieten hatte, kaum über enge soziale Gesichtspunkte hinausgegangen. Aus Gründen, die ich hier nicht zur Debatte stellen möchte, hat der Staat nur eine "volle Aufwertung" seiner Sozialversicherung vorgenommen. Unter diesen Umständen darf man sich natürlich nicht wundern, wenn die sparende Bevölkerung heute mehr denn je um die Erhaltung ihrer mühsam erworbenen "Vermögen" besorgt ist. Dadurch haben sich in den Sparformen einschneidende Veränderungen ergeben; Anlagen, die in den letzten Jahrzehnten von den Geldentwertungen am härtesten betroffen worden sind, werden jetzt offensichtlich gemieden. Man sucht heute die "Substanz". Aber auch hier hat die Vermögensanlage nicht übersehbare Gefahren.

Aus zahlreichen Briefen, meine verehrten Leser, kann ich erkennen, daß Ihnen die gestiegenen Aktienkurse ein gewisses Unbehagen bereiten. Auf die Frage: Haben die Kurse jetzt ihren Höhepunkt erreicht? vermag ich Ihnen allerdings auch keine Antwort zu geben. Gefahr droht den deutschen Aktienkursen heute weniger von der Konjunkturentwicklung als vielmehr von politischen Einflüssen, deren Wirkung sich jedoch nicht im voraus abschätzen läßt. Dabei habe ich nicht nur die internationalen Entwicklungen im Auge, sondern auch die Tatsache, daß die gestiegenen Aktienkurse in letzter Zeit in die innenpolitische Schußlinie gekommen sind. Gewisse linksgerichtete Kreise haben das Schlagwort von den "arbeitslosen Einkommen" (gemeint sind die Dividenden und Kursgewinne) wieder aus einer alten Kiste hervorgekramt; sie hoffen, im kommenden Bundestagswahlkampf damit Erfolg zu haben. Inwieweit die Bundesregierung versuchen wird, diesen Gruppen den Wind aus den Segeln zu nehmen, bleibt abzuwarten. Die Verlängerung der Frist bei der Spekulationssteuer von 3 auf 6 Monate (bisher brauchten Kursgewinne nicht versteuert zu werden, wenn zwischen dem An- und Verkiuf des Wertpapieres mehr als drei Monate lagen) zeigt, daß die Bundesregierung offensichtlich zu Konzessionen bereit ist. Sie gerät damit allerdings in Widerspruch zu ihrer bisherigen Linie der Aktienförderung, die ihre Krönung in der "Volksaktienidee" gefunden hat.

Mit diesem kleinen Ausflug in die Innenpolitik, meine verehrten Leser, wollte ich Ihnen nur zeigen, wie schwer es im Grunde ist, die Aktienkursentwicklung vorausbestimmen zu wollen. Aktien sind nicht unbedingt eine "sichere" Anlage, sie sind mit einem beträchtlichen Risiko behaftet. Sie werden zwar nicht (oder kaum) von dem jährlichen Kaufkraftschwund der Währungen betroffen, aber die hier möglichen Kursverluste können weit größer sein als die durchschnittlichen drei Prozent, die die D-Mark bisher jährlich an Kaufkraft verloren hat (wenn man den Lebenshaltungskostenindex dabei als Maßstab heranzieht).

Das Risiko der Kursschwankungen bei den Aktien verringert man bei einer wirklich langfristigen Anlage. Von Verlusten beim Aktienbesitz kann man immer nur dann sprechen, wenn man Aktien zu hohen Kursen gekauft und später zu niedrigeren Kursen verkauft hat. Wer aber in Ruhe die kommende Entwicklung abwarten kann (und auf weite Sicht plant), wird auch bei den heutigen Kursen noch auf seine Rechnung kommen. Natürlich muß bei der Aktienanlage eine sorgfältige Auswahl vorgenommen werden. Dazu gehört eine Streuung des Risikos nach Branchen. Ferner muß man die Finger von Papieren lassen, deren Kurse offensichtlich von Interessenkäufen nach oben getrieben werden. Dort, wo Substanz und Rendite keine Verbindung mehr zum Aktienkurs erkennen lassen, hat der Aktien Sparer nichts mehr zu suchen. Überlassen Sie es der Spekulation, den Aufkäufern das Leben sauer zu machen. Besitzen Sie solche Interessenpapiere, so setzten Sie sich am besten eine Grenze, an der Sie glauben, genug verdient zu haben – und verkaufen Sie! Lassen Sie andere dann auch noch verdienen – und das Risiko tragen.

Zur sorgfältigen Vermögensanlage gehört auch eine gewisse Mischung Aktien und festverzinsliche Werte. In den letzten Tagen bin ich wiederholt gefragt worden: Sollen wir unsere Aktien jetzt mit Gewinn verkaufen und dafür Renten erwerben? Das ist natürlich ein bestechender Gedanke. Auf diese Weise werden die Aktienkursgewinne gesichert und daneben wird eine sichere Verzinsung von etwa 7 vH eingetauscht. In den 7 vH Zinsen ist der durchschnittliche Kaufkraftschwund der DM enthalten; um das Vermögen zu sichern, müssen lediglich jährlich etwa 3 vH des Zinsertrages wieder angelegt werden.

Wer auf eine Aktien-Baisse spekuliert und wer ständig öffentlich verkündet, daß die Aktienkurse zu hoch sind und daß ein gefährlicher Rückschlag vor der Tür steht, kann nichts Besseres tun, als jetzt in Renten umzusteigen. Doch nur wenige dieser Propheten sind bereit, ihren öffentlich verkündeten Ratschlägen selbst zu folgen. Vom Gesichtspunkt einer gesunden Vermögensanlage her soll man weder zu hundert Prozent auf das Rentenpferd, noch zu hundert Prozent auf das Aktienpferd setzen‚ sondern beide für sich laufen lassen. Eines kommt dann sicher zum Ziel.

Bleibt also die Frage, wieviel Prozent der Ersparnisse in festverzinslichen Papieren und wieviel Prozent in Aktien anzulegen sind. Eine weitere Risikomischung wäre dann noch durch einen kleinen Bestand an Goldmünzen und durch den Erwerb von Grundbesitz möglich. Über die Höhe der jeweiligen Anteile kann man sehr verschiedener Ansicht sein. In seinem jetzt erschienenen Buch "Der Schutz des Vermögens gegen die Geldentwertung" schreibt der Schweizer Autor Dr. J. G. Egger zu diesem Thema: