Diese ganze, mühevoll vorangetriebene Entwicklung nun einfach wieder rückgängig zu machen, würde selbst die sprichwörtliche Disziplin der SPD-Garde überfordern. Schon der neue Kurs der SPD mag ein Wagnis sein, eine zweite so radikale Schwenkung aber wäre sicher eine Katastrophe für die Partei. Die SPD-Führung hätte damit in der Partei und in der Öffentlichkeit ihre Glaubwürdigkeit verloren.

Was im übrigen jene Meinungsumfragen angeht, die der CDU anscheinend so große Sorgen bereiten, so sind diese 1956, ein Jahr vor dem großen CDU-Sieg, auch nicht günstiger ausgefallen. Gewiß kann man nicht erwarten, daß die SPD noch einmal so ungeschickt operiert wie damals, aber hat denn die CDU diesmal gar keine guten Argumente für den Wahlkampf? Ist die Tatsache, daß sich die SPD in der Außenpolitik der CDU auf Tuchfühlung genähert hat, nicht auch ein dem Wähler einleuchtender Beweis für eine erfolgreiche Politik? Kann denn die CDU nicht auch in der Innenpolitik mit Zuversicht der Auseinandersetzung entgegensehen? Fast scheint es, als ob sie, vom leichten Siegen verwöhnt, das Kämpfen verlernt habe. Die Rätsel einer vermeintlichen Sphinx zu raten, ist auf jeden Fall kein Ersatz dafür.

Rolf Zundel