Ist Nikita Chruschtschow ein unbedenklicher Hasardeur? Ist er ein Mann, der sich bei seinen politischen Entscheidungen von der zufälligen Gunst des Augenblicks und vom brodelnden Temperament eher leiten läßt als vom wägenden Kalkül? Es war der britische Diplomat Sir William Hayter, einst lange Zeit Botschafter der Krone in Moskau, der den Kreml-Chef dieser Tage mit einem Kartenspieler verglich, der aus besinnungsloser Freude über "gute Karten" zu hoch reizt und dabei ganz übersieht, daß er nicht nur Trümpfe in der Hand hält

. Dies ist gewiß ein einprägsames Bild: Chruschtschow als ein unkontrollierter und gefährlicher, dabei aber doch nicht ganz ernst zu nehmender politischer Spieler. Ob sich das Bild aber auch mit der Wirklichkeit deckt?

Über Chruschtschow, der seit seinem Machtantritt der Welt schon so manches Rätsel aufgegeben hat, ist noch nie soviel gerätselt worden wie in den vergangenen Wochen. Was Wunder: Noch nie seit Stalins Tagen hat der Kreml eine so aufreizende Sprache geführt wie heute. Er schimpft, droht, beleidigt, er läßt keine Gelegenheit ungenutzt, dem Westen eins auszuwischen, und er hat es schon so weit getrieben, daß in Amerika und Westeuropa die anfängliche Empörung jener gelassenen Haltung gewichen ist, die man einem Mann gegenüber einnimmt, der nicht ganz Herr seiner Sinne ist. Ist Chruschtschow wirklich nicht mehr Herr seiner Sinne? Oder anders gefragt: Ist es ihm zur Zeit überhaupt wichtig, wie Amerika und Westeuropa seinen Geisteszustand beurteilen und welche Haltung sie ihm gegenüber einnehmen?

Daß stalinistische Gruppen und Generalscliquen Chruschtschow unter Druck gesetzt und gezwungen hätten, von seinem Koexistenz-Kurs abzugehen, sagen die einen. Ganz abgesehen davon, daß selbst vorzüglich informierte Kreml-Astrologen die Antwort schuldig blieben, wer diese dunklen Kräfte eigentlich sind – für einen Politiker, der angeblich nur an der Leine anderer tanzt, hat sich Chruschtschow in den letzten Wochen doch erstaunlich entschlossen und selbstsicher gegeben. Die anderen meinen, alles Ungemach käme aus Peking. Um nicht die Führungsrolle im Sowjetblock an Mao zu verlieren, müsse Chruschtschow den roten Mandarin an Aggressivität gegenüber dem Westen noch übertrumpfen. Auch dieses Argument wird keineswegs überzeugender dadurch, daß es immer von neuem auftaucht. Kein Zweifel, daß Pekings Einfluß auf die Weltpolitik wächst – aber Chruschtschows verblüffender außenpolitischer Kurswechsel um die Mitte des Jahres 1960 läßt sich nicht allein mit einem Machtwort Maos begründen.

Welche Erklärung gäbe es aber sonst für den Umschwung? – Denn es ist doch ein radikaler Umschwung und nicht, wie beim Beginn des "ersten" kalten Krieges 1947 eine langsame Entwicklung. Dieses Mal war es so, daß Chruschtschow von einem Tag zum anderen jene gesamte Politik, die so eng mit seinem Namen verbunden war – die Koexistenz-Politik – über Bord warf und daranging, ein neues und offenbar ganz präzis geplantes Konzept zu verwirklichen. Was versprach er sich davon, und warum tut er den entscheidenden Schritt gerade in diesem Augenblick, warum nicht schon im vorigen Jahr, warum nicht erst im nächsten?

Es spricht vieles dafür, daß Chruschtschow mit der Spürnase des politischen Fuchses rechtzeitig die Chancen gewittert hat, die ihm der Aufbruch eines ganzen Kontinents zur politischen Selbständigkeit bietet. Man mag einwenden, es sei die These vielleicht doch ein wenig gewagt, daß Moskau seine Weltpolitik in erster Linie Afrikas wegen so von Grund auf geändert habe. Aber wie sah denn die Wirklichkeit aus? Die beiden großen Blöcke waren erstarrt. Die Koexistenz-Politik hatte Freundlichkeiten, aber keine Bewegung gebracht. Bewegung indes konnte – jenseits der Blöcke – nur dort entstehen, wo neue politische Gebilde in Erscheinung traten. Damit richtete sich der Blick auf Afrika, wobei es Chruschtschow klar war, daß seine Chancen im Anfang am größten sein mußten. Die mit der Staatengeburt nun einmal einhergehenden Spannungen, Mißhelligkeiten und Unruhen galt es allenthalben zu schüren und zu nutzen.

Zwar hat die Sowjetunion sich seit jeher um Afrika gekümmert. Gerade Chruschtschow war es, der sich mit breitem Biedermannslächeln immer wieder als Schutzherr aller "Unterdrückten" und "Freiheitsliebenden" aufspielte. Aber die Koexistenz-Politik, die er gleichzeitig gegenüber den "Unterdrückern" trieb – mußte notwendigerweise seiner Glaubwürdigkeit Abbruch tun