Wie man in Deutschland ... studiert

Die Versuchung lag nahe, manche Antwortenauf unsere Chemie-Serie wiederum mit Antworten zu versehen. Aber auch das lehrreichste Spiel muß einmal ein Ende finden. Ein hervorragender junger Chemiker hat gesagt, was er darüber, wie man in Deutschland Chemie studiert, zu sagen hatte; er hat es zuweilen auf respektlose, ironische, polemische Art gesagt. Nun sollen alle diejenigen, die ihm recht geben, Respektlosigkeit, Ironie und Polemik auch von der anderen Seite ertragen – als jenen groben Keil, der auf einen groben Klotz gehört.

Es gibt erstaunlich viele Leute, die es genau gesagt bekommen wollen: was sie denken sollen. Wir können nur hoffen, daß ihre Zahl unter unseren Lesern dennoch gering ist; denn wir müssen es jedem einzelnen überlassen, am Ende zu addieren und subtrahieren: Was bleibt von den hier erhobenen Vorwürfen gegen die Institutionen des Studiums an deutschen Universitäten im allgemeinen und des Chemie-Studiums im besonderen – und was wurde widerlegt?

Aber da ist noch etwas ganz anderes, und das macht uns Kummer. Es hat mit dem Studium der Chemie eigentlich gar nichts zu tun: Mit jener schönen Selbstironie, die manche offenbar nicht bemerkt haben, schrieb der junge Chemiker, der unsere Artikel-Serie verfaßte, von den jungen Chemikern, die sich nach endlich abgeschlossenem Studium überlegen, ob sie von ihren ersten Achthundert-Mark-Monatsgehältern nun dies oder jenes tun sollen oder "die Freundin legalisieren", die so lange und so treu für sie gesorgt hat, "wenn sie Glück hatte, ohne niederzukommen".

Als ich diesen Satz im Manuskript nicht durchstrich, war ich auf trübe Proteste von Spießbürgern und Tartüffen gefaßt, welche mit Balkenfingern auf Splitter im Liebesleben ihrer Brüder weisen. Es stört sie dabei auch nicht, daß ihr Dolch gegen eine Brust gerichtet ist, die sich in achtenswerter Offenherzigkeit selber entblößt hat.

Mir war beim "Fall Hagemann" (das ist jener deutsche Ordinarius, dem Amt und Würden genommen wurden, weil er seine Studentinnen zu liebenswert fand) recht wenig wohl. Ich halte die Empörung für gespielt und dumm, mit der mir von Studentinnen und Studenten berichtet wird: "Bei Professor X muß man gut aussehen und zugänglich sein, um in den engeren Kreis aufgenommen zu werden" – "Professor Y lernt seine Schülerinnen am eingehendsten auf Faschingsbällen kennen" – "Professor Z verlegt gelehrte Diskussionen mit weiblichen Teilnehmerinnen gerne auf Skihütten." Wie steht es doch auf jenem weltberühmten Strumpfband: Honi soit qui mal y pense! Und, da wir gerade beim Zitieren sind: suum cuique – nicht: "das Gequieke der Säue".

Daß jedoch ein deutscher Professor und Chemiker von Weltrang sich nicht zu gut dafür ist, einem jungen Kollegen seine möglicherweise nur um der ironischen Pointe willen zugestandenen vorehelichen Beziehungen öffentlich vorzuwerfen – das ist doch ein bißchen traurig. Leo