Die Kritiker unserer jüngsten Universitäts-Serie haben das Wort

Abwegig und unsachlich

In vier Veröffentlichungen hat ein anonymer Verfasser in dieser Zeitung (DIE ZEIT Nr. 24, 25, 26 und 27) über das Studium der Chemie in Deutschland berichtet. Abgesehen von einigen wenigen diskussionswürdigen Hinweisen strotzt diese Fortsetzungsreihe von grotesken Verzerrungen, gehässigen Unwahrheiten und unakademischen, ja teilweise ehrenrührigen Anwürfen gegen Studenten, Assistenten und Dozenten. Die "Gesellschaft Deutscher Chemiker" als offizielle Vertretung der deutschen Chemiker in Hochschule und Industrie kann dieses Zerrbild eines Berichtes nicht unwidersprochen lassen. Bevor sie aber Stellung nimmt, muß sie naturgemäß wissen, ob es sich bei dem anonymen Schreiber, wie angegeben, um einen ernstzunehmenden, "nicht unqualifizierten" Dozenten der Chemie oder – wie eher anzunehmen – um einen auf Schutz durch Anonymität bedachten Nörgler handelt, der private Einzelerlebnisse verallgemeinert oder vergröbert und persönliche Ressentiments und berufliche Enttäuschungen durch überspitzte und verletzende Formulierungen abzureagieren sucht. Im letzteren Falle wäre jede sachliche Diskussion fehl am Platze. Es ergeht daher hiermit an den Autor die Aufforderung, sich in dieser Zeitung öffentlich mit seinem Namen und seiner Hochschule zu seiner Auffassung zu bekennen, wie man dies füglich von einem akademischen Lehrer und Erzieher der studentischen Jugend erwarten darf.

Die deutsche Chemie besitzt anerkanntermaßen Weltgeltung. Die engen wissenschaftlichen und persönlichen Kontakte zwischen deutschen und ausländischen Chemikern äußern sich in vielen Deutschland-Besuchen ausländischer Gelehrter und Auslands-Einladungen an deutsche Professoren. Für die freundschaftlich-fruchtbaren Beziehungen zwischen Industrie und Hochschule zeugen die alljährlich von der chemischen Industrie für die wissenschaftlichen Institute gespendeten Millionenbeträge.

Nach dem seltsamen Weltbild, wie es sich im Kopfe des anonymen Schreibers spiegelt, hat im Gegensatz hierzu die wissenschaftliche Zusammenarbeit der Chemiker in Deutschland "den Charakter und die Wirksamkeit von Vereinssitzungen". ihre Veröffentlichungen atmen "den Hauch wissenschaftlichen Provinz", menschliche Beziehungen zwischen Student und Assistent bilden sich nur "unter dem Einfluß des Alkohols oder in einer Atmosphäre, die "auf die Hebung der Gesprächigkeit der Assistenten durch Wein, Weib und Gesang abzielt", bedeutsamer als die akademische Forschung scheint die "Kontrolle über den Institutsverbrauch an Toiletteartikeln", zwischen Industrie und Hochschule klafft "ein Graben des Dünkels", die chemische Industrie scheut sich nicht, bald auch "den miesesten Kandidaten das Studium zu bezahlen", und der neugebackene Doktor der Chemie verwendet das erste selbstverdiente Geld dazu, um "die Freundin zu legalisieren, die ihm in den letzten fünf Jahren die Strümpfe stopfte und die Hemden bügelte – wenn sie Glück hatte, ohne dabei niederzukommen –". Ist es da nicht wahrhaft unbegreiflich, daß die deutsche Chemie trotz dieses Tiefstandes der Ausbildungs- und Forschungsbedingungen Weltgeltung genießt?

Wir bedauern zutiefst, daß DIE ZEIT einer solch abwegigen und unsachlichen Information zum Opfer fiel, die sich unserer Meinung nach von selbst richtet. Eine vorherige Rückfrage bei einem aufgeschlossenen Studenten oder Assistenten, einem namhaften Hochschullehrer oder einem anerkannten Vertreter der chemischen Industrie hätte die Redaktion schnell darüber aufgeklärt, daß das wahre Gesicht der Chemie in Deutschland wesentlich andere Züge trägt und zu einigem Stolz über die erstaunlich rasche Erholung und Weiterentwicklung der deutschen Chemie nach dem letzten Weltkriege berechtigt!

Professor Dr. Dr. h. c. Egon Wiberg,