T"" ie Festspiele in der romanischen Kirchen— ruine zu Bad Hersfeld waren kurz vor dem Beginn dieser zehnten, also einer Jubiläumsspielzeit, durch Skandal um die Person des Hersfelder Intendanten Johannes Klein in Frage gestellt worden. Der Kartenverkauf stockte. Die Geldgeber waren schockiert. Würde Bundespräsident Lübke die Nachfolge seines Amtsvorgängers als Schirmherr der Festspiele antreten? Hersfeld hatte Glück. William Dieterle, der Deutsche aus Hollywood, der zweimal auch in Bad Hersfeld inszeniert hatte, sprang in die Bresche der "künstlerischen Gesamtleitung". Der Ruf eines weithin berühmten Künstlers und die Hoffnung, daß er in Bad Hersfeld nicht nur Lückenbüßer sein soll, retteten die hessische Kleinstadt aus ihrer schlimmen Verlegenheit: der Magistrat konnte nun den neuen Bundespräsidenten empfangen, und so genoß man wieder die weltweite Resonanz, die durch den Besuch des Diplomatischen Corps aus Bonn garantiert ist. Was man "amtlich" über die Zukunft denkt, darüber wußte etwa um die Mitte dieser zehnten Festspielzeit ihr "künstlerischer Leiter" noch nichts. Ich habe mich mit William Dieterle unterhalten. Da war er also wieder: der großgewachsene Mann aus Ludwigshafen, der drei Jahrzehnte als Filmregisseur in Hollywood gelebt hat. Seine dunklen Augen, aus denen Humor blinzelt, erinnern an den Schauspieler aus frühen Ufa FilDamals war der sautsAe FJLa fü? && kaser so attraktiv, btS sie ha yorraggsde Leute aus Deutschland nach Hollywood holten: Murnau, Lubitsch, Pommer, Sternberg — und eben Wilhelm Dieterle. Dieterle setzte sich drüben als Regisseur durch. Mit Vorliebe behandelte er biographische Themen: Pasteur, Zola, Richard Wagner. Nach dem Kriege fiel "Vulcano" bei uns auf. Vor kurzem hat er Carl Zuckmayers "Fastnachtsbeichte" verfilmt.

Ist er also heimgekehrt? Wer weiß denn, wie die Heimat ihn aufnimmt? Komische Fragen stellen ihm die Leute. Warum er denn überhaupt hinausgegangen sei, wollen solche wissen, die ihn für einen "Emigranten" und so etwas schön wieder für anrüchig halten.

Das Heimweh hat Dieterle wohl nicht Zurückgetrieben. Das verliert sich in dreißig Jahren. Außerdem weiß der Amerikaner Dieterle die Lebensart im kalifornischen Westen zu schätzen. Man gönnt dort seinem Nachbarn alles, ohne Neid. Die gegenwärtigen Arbeitsverhältnisse in der deutschen Filmindustrie können einen erfolgreichen Hollywood Regisseur nicht in jedem Falle locken.

Was also ist der Grund dafür, daß Dieterle Regieangebote deutschsprachiger Bühnen annimmt, daß er sich für die Hersfelder Festspiele einsetzt? Ganz allgemein: die künstlerische Arbeit in der Muttersprache. Aber auch das deutsche Bühnenwesen. Seine Möglichkeiten seien vielfältiger als drüben, wenn auch im einzelnen selten die Perfektion amerikanischer Bühnen "Produktionen" erreicht werde.

Dieterle war einst ein Reinhardt Schauspieler. Am Deutschen Theater in Berlin hatte er den Brutus, den Julius Cäsar, den Danton gespielt, ehe er — nach Max Reinhardts Beispiel — den großen Filmvertrag unterschrieb und 1929 nach Amerika übersiedelte. Auf Reinhardts Spuren arbeitet er in diesem Sommer wieder: er inszeniert Hofmannsthals "Jedermann" in der Reinhardtsehen Einrichtung für die Salzburger Festspiele. Die Gründung der Hersfelder Mysterienspiele wurde vor zehn Jahren in Salzburg als Affront empfunden. Unkundig europäischer Zwistigkeiten, hätte sich der Festspielregisseur Dieterle also beinahe zwischen zwei Stühle gesetzt. Vor die Alternative Salzburg oder Hersfeld gestellt, würde Dieterle wahrscheinlich Bad Hersfeld den Vorzug , geben: um der monumentalen Ruine, einer vieldeutigeji Kulisse, willen und weil Jy ""iiTöan "ofenen hcrsfeWCf räum kann also das Licht, die nächst dem Wort wichtigste Kraft des Theaters, künstlerisch mitwirken.

Nach seinem Salzburger Regiegastspiel will William Dieterle die "Medea" von Robinson Jeffers für den "Grünen Wagen" inszenieren. Damit sind wir mitten in der Hersfelder Festspielproblematik. Die "Medea" von Jeffers hatte dort 1958 ihre deutsche Erstaufführung. Unter Ulrich Erfurths Regie errang sich Hilde Krahl (die auch unter Dieterle die Titelrolle spielen wird) einen großen Erfolg. Doch der Kartenverkauf für das unbekannte, Stück ließ in Bad Hersfeld zu würischen übrig. Außerdem schien es mit seiner heidnischen Thematik dem Geist der christlichen Kirchenruine zu widersprechen. William Dieterle sieht in beiden Tatsachen keinen Hinderungsgrund, künftig im Rahmen der Hersfelder Festspiele ähnliche Wagnisse zu unternehmen. Er hat sich den Hersfelder Festspieletat angesehen. Darin steht eine so geringe Summe für Werbung, daß kein Geschäftsunternehmen, damit auf einen grünen Zweig kommen könnte. Die verhältnismäßig begrenzte Resonanz deir wunderlich. Für die Monumentalkulisse de# Stiftsruine könnte er sich einen durchaus erfolggriechischen Tragödien bis zu Brechts "Mutter Courage" und Sartres "Der Teufel und der liebe Gott" reicht. Auch will er nicht ganz einsehen, warum "in dieser Ruine noch nie gelacht" worden sei. Er jedenfalls meint, man könne auch Shakespearesche Komödien in Bad Hersfeld aufführen.

Hersfelder Festspieljahren, die auf Hofmannsth al als Grundton abgestimmt waren, für viele noch schwer zu begreifen. Als Bürgermeister Dr ]ansen die Pressevertreter begrüßte, entfuhr es ihm, daß in Hersfeld nicht etwa "nur Theater" gespielt tem des deutäcbö BilfUigstkeaters, Jas keineslern, die ein "nur" vor ihrem Theater nicht glücklich machen kann.