H. S., Schwerin

In Schwerin, der alten mecklenburgischen Metropole, die gerade 800 Jahre alt geworden ist, sollte man abends ankommen. Dann sind die Fahnen eingeholt, die Schrift auf Plakaten und Transparenten wird unleserlich, die scharfen Konturen der neuen Zeit lösen sich in der Dämmerung auf.

Es ist fast alles wie einst. Über den Pfaffenteich, die "Schweriner Binnenalster", segeln die Schwäne. Vor dem Arsenal patrouilliert ein eisenbeschlagener Soldatenstiefel. Am jenseitigen Ufer bohrt sich der bleistiftschlanke Domturm in den nächtlichen Himmel. Auf der Schloßbrücke zäumen die Obotriten ihre Streitrosse. Das Schloß, seltsam und schön wie aus Tausendundeiner Nacht, zeichnet seine Silhouette auf das blanke Wasser des Burgsees. Aus dem Herzoglichen Garten dringen die Düfte von tausend Kastanienblüten, von Flieder und Jasmin. Vor dem weitläufigen Schloßpark sitzt wie eh und je Friedrich Franz auf ehernem Roß, und der alte Schweriner, der vorübergeht, zieht ehrerbietig, mit selbstverständlicher Geste seinen Hut. Zu später Stunde, kaum ist’s zu glauben, kann man in einer Weinstube sogar eine Partie ehrwürdiger Honoratioren sehen, bei Zigarre und Wein; "Tja, siebzehn oder achtzehn war es wohl, Friedrich Franz..."

Ein Gespräch, das sich nie totläuft. Großherzog Friedrich Franz ist in Schwerin das Synonym für die gute, alte Zeit. Er ist heute in seiner einstigen Residenz wirklicher, gegenwartsnaher als je zuvor. Sosehr sich auch die Kommunisten bemühen mögen – der alte Mann ist nicht totzukriegen. In jedem längeren Gespräch wird er heraufbeschworen, so intensiv, daß man vermeint, ihm beim nächtlichen Nachhauseweg an der nächsten Straßenecke begegnen zu müssen.

Und dennoch: Das alte Schwerin liegt im Sterben. Die Kaufhäuser an der Bismarckstraße sind verstaatlicht, ebenso alle anderen nennenswerten Betriebe der Stadt. Die Eigentümer der Café und Hotels wurden enteignet und vertrieben. Zwei von drei Geschäften in allen Straßen haben die Anfangsbuchstaben ihrer Sterbeurkunde an die Schaufenster gemalt: HO.

Kürzlich gab es im alten Arsenal und im Museum eine Ausstellung zu sehen: 800 Jahre Schwerin. Die Geschichtszahlen sind richtig: um 600: Zverina, Burg der Obotriten; 1160: Gründung der deutschen Stadt durch den Welfen Heinrich den Löwen; 1358: Residenz der mecklenburgischen Herzöge; 1918/19: Hauptstadt des Freistaates Mecklenburg-Schwerin,

Aber die Kommentare sind gefälscht und verlogen. Man könnte glauben, man sei in einer urrussischen Stadt, die zeitweilig von deutschen Faschisten oder ihren Vorläufern erobert und besetzt war. "Wir sind in Wahrheit Slawen" – so müßte der Titel der Ausstellung lauten.