Von Rudolf Hagelstange

Sehr geehrter Herr Generaldirektor!

Ich bitte, mir nicht zu verübeln, daß ich Sie mit einem sehr ausführlichen Schreiben behellige. Unerwartete, merkwürdige Begebenheiten veranlassen mich, um Rückversetzung an unser Zweigwerk in O. zu bitten. Ich darf Ihnen den Fall nachstehend vortragen:

Als ich vor rund anderthalb Jahren, von Ihrer freundlichen Aufmerksamkeit begünstigt, in das Planungsbüro unseres Hauptwerkes gerufen wurde, befand sich in meinem Gefolge außer meiner Frau, zwei Kindern und der Hausgehilfin auch unser Kater Schopenhauer, in etwas bedrängteren Momenten auch Schops gerufen. Ich wählte diesen vielleicht sonderbar anmutenden Namen einmal, weil mich das Tier – es gibt auch den umgekehrten Fall, daß Menschen Tieren ähnlich sehen – auf rätselhafte Weise an meinen Lieblingsphilosophen Schopenhauer bzw. dessen Bild erinnert, zum anderen aber, weil es von ungewöhnlicher, fast menschlicher Intelligenz ist und in einer Art Symbiose mit mir lebt. Solange ich im Haus bin, ist auch Schopenhauer im Hause. Er verläßt es, wenn ich ins Büro fahre. Er erwartet mich vor der Haustür, wenn ich heimkehre. Da ich nachts oft arbeite, haben wir getrennte Schlafzimmer, das heißt: meine Frau und ich – während Schopenhauer, der an Sauberkeit jeden Menschen übertrifft, in meinem Bett schläft. Arbeite ich über vertretbare Zeit hinaus, so kommt er auf den Zeichentisch und legt seine Pfote auf meinen Arm; er vermahnt mich. Das wiederholt sich, wenn ich nicht aufhöre. Aber meist folge ich dem Rat. Nur dreimal ist es vorgekommen, daß Schopenhauer mir buchstäblich den Zeichenstift aus der Hand schnippte.

Morgens, wenn der Wecker schellt, erhebt sich Schopenhauer unauffällig – er liegt oberhalb meines Kopfkissens – und legt die Pfote auf den Druckknopf, der das Klingeln abschaltet. Das geschieht gelegentlich so rasch und taktvoll, daß ich wieder in Schlaf falle. Das wiederum läßt das Tier nicht lange zu, sondern nötigt mich durch freundlichste Berührungen in den Tag, geleitet mich ins Badezimmer und putzt und leckt sich, während ich mich wasche und rasiere. Dann frühstücken wir zusammen (denn ich frühstücke allein), und Schopenhauer besetzt und besitzt für diese Viertelstunde das hohe Kinderstühlchen unserer Annette, leert seine kleine Milchschüssel, kriegt vom Honighörnchen, auch Käserinden schätzt er sehr, und wenn ich eine oder zwei Ölsardinen mit ihm teile, ist das ein Festtag für ihn. Er begleitet mich zum Auto. Wenn es anfährt, springt er mit einem federnden Satz auf die Mauer des angrenzenden Friedhofs und ist für die Stunden meiner Abwesenheit verschwunden. Nur sehr selten kommt er mittags für einen kurzen Imbiß nah Hause, offenbar nur dann, wenn andere Jagdgründe sich ihm verschlossen hielten.

Für Menschen, bzw. ihre Charaktere, hat er einen zuweilen geradezu bestürzenden Instinkt. Kommen Besucher, so empfängt er sie mit mir an der Tür, und noch während sie Hut oder Mantel ablegen, sieht das Tier mich ruhig an, und ich kann an diesem Blick ablesen, mit wem ich es zu tun habe. Seine Augen drücken dann so viel Zustimmung oder Ablehnung aus, daß an seiner Einschätzung kein Zweifel möglich ist. In besonders krassen Fällen äußert sich diese auch in aktiver Stellungnahme.

So hatten wir – noch in O. – eine Hausangestellte von aufdringlicher Liebenswürdigkeit, angenehmem Äußeren und betont guten Manieren. Schon am zweiten Tage antwortete Schopenhauer auf eine ihm zugedachte Liebkosung mit einem Kratzer. Am siebten Tag beschwerte sich der Hausgeist über eine unziemliche Verunreinigung seines Kopfkissens. Am neunten Tag stellte meine Frau die erste Einbuße an Wirtschaftsgeld fest. Am fünfzehnten vermißte sie eine ihrer Blusen und zwei Paar Strümpfe. Am achtzehnten Tag hörte ich zufällig, spät heimkehrend, unliebsame Geräusche im Zimmer des Mädchens und machte mich mit naiven Fragen – nach Einbrechern – vor ihrer Tür bemerkbar. Die Zimmertür wurde so geöffnet, daß ich sofort das leere Bett, aber durch herunterhängende Decken nicht unter das Bett sehen konnte. Am Tage darauf verunreinigte Schopenhauer, der mich bei dieser mißlungenen Inspektion begleitet hatte, zwei Stellen unterhalb dieses Bettes nachdrücklichst, offenbar in der Absicht, dem ungesetzlichen Liebhaber den Boden zu weiteren Geheimaktionen zu entziehen. Und so fort. Ich will Sie nicht langweilen mit weiteren Intelligenzbeweisen, sondern auf den eigentlichen Anlaß meines Schreibens kommen.