Ben Omar erobert Thysville

UN-Truppen im Kongo – Ein marokkanischer Oberst verschafft sich Autorität

Niemals zuvor in ihrer fünfzehnjährigen Geschichte standen die Vereinten Nationen vor einer so gewaltigen Aufgabe wie im Kongo. Die erste Phase – nämlich die äußere Ruhe wiederherzustellen – haben die UN-Truppen in verblüffendem Tempo bewältigt. Wenig wurde bisher bekannt von den Einzelheiten dieser friedenstiftenden Invasion. Wir veröffentlichen hier den Bericht von George Clay, der als einziger Korrespondent die "Befreiung" von Thysville miterlebte, jener Garnisonstadt im unteren Kongo, in der die große Meuterei ausbrach.

Thysville, im Juli

Ben Omar hieß der kleine drahtige marockanische Oberst, der mit seinem Bataillon mitten in der Nacht auf dem Flugplatz von Leopoldville gelandet war. Kaum zwei Stunden später schon kletterten die arabischen Soldaten – deutlich erkennbar durch ihre grünen Baretts – in einen eilig betriebsfähig gemachten Diesel zug. In der Morgendämmerung setzte sich die Lokomotive in Bewegung – Richtung Thysville. Es war dies der erste Zug, der nach Thysville fuhr seit die Weißen in der ersten Juliwoche panikartig die Stadt verlassen hatten und in vollgestopften Waggons nach Leopoldville gereist waren.

Die Marokkaner, die als erste UN-Truppen in das untere Kongobecken geschickt wurden, trafen während ihrer Fahrt auf keinen Widerstand. Im Gegenteil: sie wurden während der kurzen Aufenthalte überschwenglich begrüßt – und überall drängte sich eine jubelnde Menge an den Zug. Die UN-Soldaten wußten nicht wohin mit all den Bananenbündeln, die ihnen durch die Fenster zugereicht wurden. Nirgendwo war ein Weißer zu sehen, aber nirgendwo sah man auch nur die kleinsten Beschädigungen an den Läden und Büros, die die Belgier vor ihrer Flucht noch eilig verschlossen hatten.

Es war eine seltsame "Befreiung". Als die Marokkaner schließlich auf die Meuterer stießen, die zu bekämpfen sie ausgezogen waren, da zeigte sich, daß diese in ihrem stürmischen Begrüßungsschrei den Zivilisten um nichts nachstanden.

Als sich der Zug Thysville näherte, tauchten aus dem Urwald auf beiden Seiten der Bahnlinie immer mehr kongolesische Soldaten auf. Ihre Stahlhelme waren mit Gras und Zweigen getarnt, ihre Waffen hielten sie im Anschlag. Doch sobald sie die UN-Flagge auf der Lokomotive und die Gesichter der Marokkaner in den Abteilfenstern sahen, salutierten sie oder jubelten und winkten.

Ben Omar erobert Thysville

An einer Stelle indes war die Begrüßung nicht so enthusiastisch. Da verlor Oberst Ben Omar denn auch sehr schnell seine gute Laune und befahl dem kongolesischen Kommandeur in scharfem Ton, seine Leute antreten und ihm die militärischen Ehren erweisen zu lassen. Der Kongolese war ein wenig verwirrt, gehorchte dann aber schnell. Gemessen erwiderte Ben Omar die Ehrenbezeugung ...

Militärkapelle mit Maskottchen

Auf der kleinen Station von Camp Hardy, ganz in der Nähe von Thysville, drängten sich kongolesische Soldaten zu Hunderten. Es war hier in diesem Lager, wo die Meuterei zuerst ausgebrochen war. Kaum hielt der Zug, da stieg eine marokkanische Militärkapelle mitsamt ihrem Maskottchen, einem schwarzen Ziegenbock, aus und spielte auf dem Bahnsteig Märsche.

Auch in Thysville wurde der UN-Kommandant jubelnd begrüßt. Ben Omar ließ seinen Jeep vor dem Cosmopolite Hotel halten, wo noch vor kurzem eine Anzahl Belgier belagert worden war. Als er durch ein paar Straßen zu den Verwaltungsgebäuden der Stadt ging, wurde er von einer begeisterten Menge von kongolesischen Soldaten und Zivilisten begleitet. Die beiden UN-Beamten, ein Fernseh-Kameramann und ich, wir waren die einzigen Weißen im Gefolge des Obersten, aber auch uns streckten sich Hunderte von Händen entgegen. Von einem Haß gegen die Weißen war nichts zu spüren. Im Verwaltungsgebäude wurden wir von den kongolesischen Beamten höflich, ja geradezu herzlich empfangen. Diese Männer hatten die Verwaltungsaufgaben des Bezirks ganz normal weiter geführt, obgleich doch alle ihre belgischen Chefs geflohen waren.

Im allgemeinen hat man den Eindruck, daß die Leute froh sind über die Rückkehr von Ordnung und Autorität. Doch ist nicht zu übersehen, daß im Camp Hardy während der Wochen, da die Truppe nach der Flucht der belgischen Offiziere sich allein überlassen war, die Disziplin der Soldaten schwer gelitten hat. Im Lager gibt es offensichtlich zwei ganz verschiedene Gruppen. Da sind die alten Soldaten, korrekt und gehorsam, die ihren Aufgaben weiter so nachgehen, wie sie es gelernt haben. Daneben gibt es die jungen. Rekruten, die ziellos durch das Lager bummeln, oder zu Streifzügen durch Thysville und Umgebung aufbrechen. Die Autorität der kongolesischen Unteroffiziere scheint, bei diesen Soldaten immer, nur so lange zu wirken, wie die Unteroffiziere in Sichtweite sind.

Oberst Ben Omar ging sofort entschlossen daran, die Autorität der Truppe wiederherzustellen. Ganz gewaltig stauchte er einen Soldaten zusammen, der in unordentlicher Uniform herumlief. Ein anderes Mal befahl er einer Wache, herauszukommen und die UN-Flagge zu grüßen, die gerade am Mast gegenüber der neuen kongolesischen Flagge hochging. Er rief die kongolesischen Unteroffiziere zusammen und verlangte von ihnen, sie sollten schleunigst alle kongolesischen Truppen in das Lager zurückbringen.

Die Aufgabe, die Ben Omar da zu leisten hat, ist wirklich verflixt schwierig. Denn niemand weiß so recht, was in den kongolesischen Soldaten eigentlich vorgeht.

Ben Omar erobert Thysville

Was zunächst als eine Meuterei begonnen hatte, wurde mehr und mehr zu einer führerlosen und nervösen Reaktion auf die Drohung der belgischen Gegenmaßnahmen. Das bestätigte mir ein junger belgischer Leutnant, der im Lager geblieben war, als seine Kameraden abzogen. Er, ein belgischer Unteroffizier sowie ein Doktor und dessen Frau sind die einzigen Weißen, die heute noch im Camp Hardy sind. Der Leutnant widersprach auch den Geschichten, die von Vergewaltigungen der weißen Offiziersfrauen im Lager wissen wollten. Zwar seien, so erzählte er, einige Rotten junger Rekruten in der Stadt Thysville Amok gelaufen, hätten Männer getötet und Frauen bedroht. Aber die kongolesischen Unteroffiziere hätten, sobald sie davon hörten, alles getan, um die Truppen wieder unter Kontrolle zu bringen. Die Mehrzahl der Soldaten im Camp Hardy sei jedenfalls nicht "wild geworden".

Der belgische Leutnant ist als "technischer Assistent" der neuernannten kongolesischen Offiziere im Lager geblieben. Keines der Häuser der geflohenen belgischen Offiziere wurde beschädigt oder geplündert. Dagegen kamen gleich am ersten Tag kongolesische Beamte zu Oberst Ben Omar und beschwerten sich darüber, daß noch immer einige kongolesische Soldaten Läden kongolesischer Geschäftsleute plünderten.

Der kleine marokkanische Oberst hat es in der Tat nicht leicht. Und selbst wenn es ihm gelingt, das Vertrauen der Kongolesen zu gewinnen, die in ihm und seinen UN-Soldaten Beschützer sehen, wird es doch nicht leicht sein, den geflohenen Belgiern durch seine Arbeit so viel Vertrauen einzuflößen, daß sie zurückkehren. Bis das Leben in Thysville wieder ganz normal ist, wird es noch lange dauern. George Clay