So hart wie nur möglich müssen ja heute Filme sein. "Von ungewöhnlicher Offenheit, schonungslos und hart wie eine Faust" hieß es in diesen Tagen in einem Filminserat. Der angekündigte Film heißt "Die Hemmungslosen", kommt aus Schweden und handelt von der Lebensgier junger Menschen. Auch dem meistdiskutierten Film der jüngsten Zeit "Das süße Leben" (La dolce vita, ZEIT Nr. 9), der in unseren Großstädten nun wochenlang immer in den gleichen Kinos (Hamburg: Ufa-Palast) läuft, ging der Ruf voraus: "hemmungslos" und "schonungslos". Aber wer mag Federico Fellini dazu gebracht haben, die deutsche Fassung mit dem schwülstigen und anpreisenden Text einzuleiten: "Suchen Sie in diesem Film keine krankhaften Sensationen. Er ist nicht um billiger Effekte willen gemacht. Er ist voller Mitleid für alle und jedermann. Hören Sie dagegen auf die innere Stimme seiner Menschen. Empfinden Sie die Einsamkeit ihrer Seelen, die nur Erleuchtung hoffen. Verurteilen sie niemanden, bevor Sie nicht mit sich selbst Gericht gehalten haben."

Es spannt die prickelnde Erwartung aufs höchste. Aber dann sieht man: Einen römischer Priester, Filmstar, angezogen wie ein römischer gestellt der bei Balenciaga schneidern läßt. Dargestellt wird der Star von der schwedischen Entkleidungskünstlerin Anita einiger die in der römischen Wirklichkeit vor einiger Zeit ein so geschmackloses Kostüm getragen hat. Das Bild ging durch alle Illustrierten. Sie tanzt auch barfuß den bacchantischen Tanz in dieser sehr gelungenen Padiese auf einen Star. In Wirklichkeit war eben diese Nachtlokal bei einer Geburtstagsfeier in einem Nachtlokal barfußtanzend mit der Polizei in Rom in Konflikt gekommen. Damals war das hautenge, schwarze Hemdkleid, das sie trug, sehr viel aufreizender, als dieser wallende Abendrock, mit dem der mitleidige Filmregisseur die letzten Blößen zudeckte. Eine Striptease-Szene im Film wird während der Orgie einer sich langweilenden Gesellschaft von Snobs von einer "Dame" Kamera Gesellschaft vorgeführt, aber da hat die Kamera Mitleid bevor das Äußerste geschah. Der Film spielte fast nur nachts. So wird Nachtseite auf Nachtseite unseres. Lebens angeleuchtet. Es geht hart bis an die Grenzen des Geschmacks und des Darstellbaren, aber sie werden nirgends überschritten. Es sind bezwingende Bilder in Breitwandformat. Ein Meister an der Kamera: Otello Martelli.

Wir hören dennoch schon die Propagandisten aus dem Osten: So ist dieser verfaulte Westen. Sie verwechselten schon oft die äußere Schale mit dem Kern. In Italien haben sich allerdings schon gleich nach der Uraufführung die Kirche und der Adel dagegen verwahrt, daß diese Schilderungen verallgemeinert werden. Aber unter den 77 Schauspielern wurden "Mitglieder der römischen Gesellschaft’ genannt, darunter Fürsten und Prinzessinnen.

Fellini hat die pralle Fülle seiner Einfälle in einem überquellenden Bilderstrom herausgeschleudert. Sehr spielerisch geschieht das, sehr südländisch, mit hintergründigem Humor. Sehr verliebt in die eigene Arbeit ist der Regisseur von "La Strada" und "Die Nächte der Cabiria" diesmal. So geraten viele Szenen, gerät der Film zu lang, viel zu lang. Er läuft dreieinhalb Stunden. ~~~~~ "Mann mit Gewissen", Seiner. Die hysterischen Szenen schildern hinreißend die überspannte Atmosphäre bei den Anthroposophenjüngern in den zwanziger Jahren. Hier macht sich ein dem Leben zugewandter Lateiner über die tiefschürfenden Nordländer lustig.

Durch das tumultuarische, giftsprühende Geschehen dieses dennoch hochmoralischen Film; geht, Hamlet gleich, grübelnd: "Was ist das Leben!" ein mit allen Wassern gewaschener Journalistenheld. Er hat seine Unschuld schon längst verloren. Doch wer, frage ich mich, wer unter den Kinobesuchern soll die biblischen Einleitungsworte Fellinis auf sich beziehen: "Verurteilen Sie niemanden, bevor Sie nicht über sich selbst gerichtet haben." Viele werden scheußliche Szenen, wie sie hier gezeigt werden, zum erstenmal sehen, Wird es ihnen auch nicht die Unschuld nehmen, so vielleicht die Scham austreiben, das gemeinsame Erlebnis intimer menschlicher Beziehungen auf Breitwand, die einst, jedenfalls in den letzten hundert Jahren, im stillen Kämmerlein geübt wurden. Oder wird es die Ausgekochten mit der Lebensgier nachdenklich machen und zur Umkehr zwingen? Fellini scheint eben dies zu hoffen. Es gibt auch mitleidige und unbeteiligte Kurzkommentare am Kinoausgang: "Das verruchte Leben dieser ersten besten Gesellschaft scheint furchtbar langweilig zu sein!" Erika Müller