Viele Trikoloren wurden eingeholt

Von Armin Mohler

Paris, im Juli

Eines der eigenartigsten Phänomene in der an sonderbaren Dingen wahrlich nicht armen französischen Politik dieser Jahre ist die lässige Art, mit der General de Gaulle auch die letzten Republiken des einstmals französischen Schwarzen Afrika in die Unabhängigkeit entlassen hat. Der gleiche Mann, der vor anderthalb Jahren mit seiner Bockigkeit Sekou Touré in den antiwestlichen Schmollwinkel hat drängen helfen, verhält sich nun außerordentlich verständnisvoll. Als mit Houphouet-Boigny, dem Regierungschef der Elfenbeinküste, auch noch das letzte Häufchen von Getreuen zur Unabhängigkeit drängte, konnte man überrascht sein über die Selbstverständlichkeit, mit der de Gaulle sagte: "Aber bitte, bedienen Sie sich!"

Und man täusche sich nicht: diesmal wird nicht, wie bei der Gründung der so kurzlebigen "Communauté", nur eine Schein-Unabhängigkeit angeboten, hinter deren Fassade alles beim alten bleibt. Auch wenn vorerst noch soviel von der französischen Verwaltungs- und Wirtschaftsstruktur stehenbleibt im ehemaligen Französisch-Westafrika und Französisch-Äquatorialafrika, wenn noch soviel weiße Kader vorerst dort unten bleiben – mit der von Frankreich befürworteten Aufnahme der jungen Republiken in die UNO und deren ungebärdigem "afroasiatischen" Block ist der entscheidende Schritt zur Mündigkeit getan.

Die kolonialistische Opposition in Frankreich weiß das sehr wohl; bei ihr ist de Gaulle seither auch endgültig in die Teufelsgalerie der "Verschleuderer des Empire" eingereiht – weit verpönter noch als Mendès-France, dessen Liquidations-Rekorde er um Längen geschlagen habe ...

Ist jene Haltung de Gaulles einfach als durch Pathos verkleidete Unfähigkeit zu erklären, wie das die französische Rechte glauben machen möchte? Nun, Resignation würde wenig zu dem Manne passen, der bei noch so exzessivem Lavieren an den ihm wesentlichen Dingen mit rechtem Alterseigensinn festhält und der zudem keine Einbußen an Selbstbewußtsein erlitten hat. Es ist darum wohl auch mehr als ein bloßes Rückzugsgefecht, wenn de Gaulle angesichts des Chaos im ehemals belgischen Kongo sich nicht enthalten konnte, damit den (zum mindesten bisher) so ganz anders verlaufenen Übergang in die Unabhängigkeit der Communauté-Staaten zu vergleichen und zu rühmen. Nun sehe man erst, wie weise die französische Politik in Afrika sei.