Es gibt noch Leute, die optimistisch über den Kongo denken – Tschombe ist Realpolitiker

Von Josef Müller-Marein

Der Mann, der aus Katanga kam, hatte schon vor einem halben Jahr angekündigt, wir würden uns in Hamburg wiedersehen. Wir saßen damals auf hübschen Gartenstühlen am Flußplatz von Jadotville, tranken eisgekühlte Limonade und guckten seinem Kollegen zu, einem jungen Ingenieur der Union Minière, der in einem kleinen Sportflugzeug ein paar Kunstfiguren drehte, sogar Rückenflug und einen ziemlich kecken Looping nach vorn. Die Limonade war sehr gut, und abgesehen von blutigen Stammesfehden, die in der Gegend von Luluaburg schon seit vielen Wochen tobten, war im Kongo noch alles ruhig. Freilich hatte General Janssens, der Chef der Force Publique, den Führer der kongolesischen Nationalisten, Patrice Lumumba, wegen aufrührerischer Rede kurzerhand verhaften und in Stanleyville, dem Wohnort des schwarzen Politikers, vor Gericht stellen lassen. Lumumba hatte ein braunes Jackett an, das ihm zu weit war und schlecht saß. Er sah gequält und böse aus. Er wurde verurteilt. Schwarze Polizisten schubsten, stießen ihn und legten ihm Handschellen an. Er wehrte sich. Einer rief: "Pass op!", worauf er sich niederduckte. Sie packten ihn an den Handgelenken, die schmal und zerbrechlich aus den eisernen Klammern herausragten, schmissen ihn ihn einen Jeep, der davonrollte – zum Gefängnis.

Das lag damals ein paar Tage zurück. Jetzt, bei der Limonade, erfuhr ich, daß das flämische "Pass op" von den Schwarzen in ihre Kisuaheli-Sprache als ein eigenes Wort übernommen wurde. Nachdem dies geklärt war, steckten wir uns eine Zigarette an, nahmen einen Schluck Limonade und sprachen von unserem zukünftigen Wiedersehen, das in einem halben Jahr in Hamburg stattfinden sollte.

Das halbe Jahr ist um. Lumumba trägt gutsitzende Anzüge und ist Ministerpräsident. General Janssens ist abgesetzt und hat sich in Brüssel vor das Denkmal des Königs Leopold II. von Belgien begeben und dem Monarchen erklärt: "Sie haben den Kongo beschmutzt!" Und inzwischen ist der Mann, mit dem ich in Jadotville die Limonade trank, 55 Jahre alt geworden. Er hat das Alter erreicht, in dem die Union Minière ihren verdienten Pionieren eine nicht geringe Pension bezahlt.

Er hat nicht fliehen müssen. Seine beiden Söhne, in Afrika geboren und aufgewachsen, leben und arbeiten bereits in Europa; seine Frau ist schon vor einem halben Jahr herübergekommen, um den Bau eines Häuschens in der Schweiz zu überwachen. "So gesehen", sagte er jetzt in Hamburg – er fror, und wir tranken Grog an diesem verregneten Julitag – "kann ich Lumumba einen guten Mann sein lassen..."

Ich sagte: "So früh pensioniert! Feine Sache! Hoch lebe die Union Minière von Hoch-Katanga!" Aber er, obwohl kein Deutscher, tat einen Ausspruch, als hätte er Goethes "Götz von Berlichingen" gelesen. Und weil er kein Belgier ist, wenn auch mehr als 25 Jahre im belgischen Dienste, ist es vielleicht bemerkenswert, daß er sagte: "Da haben sie nun immer die Augen verdreht in Anbetracht der belgischen Kolonialerfolge: ‚Ach, wie exzellent die Belgier das im Kongo machen! Niemals Krach, niemals Unruhe. Friede und Eintracht zwischen Schwarz und Weiß!‘ Aber jetzt plötzlich rückt man die Augen starr geradeaus: ‚~~~ ~~~ ~~~ ~~~ ~~~ ~~~~ Kongo gemacht. Welche entsetzlichen Fehler! Da mußte es ja kommen, wie es kam!‘ " Und ich fragte: "Et alors?" und er wiederholte: "Na, und!" und wir nahmen einen Schluck Grog, und da Goethewort lag in der dicken Hamburger Luft. Er sagte: "Alle Belgier sind böse, daß alle ihre Verbündeten, die Europäer, meinen: ‚Ihr habt alles falsch gemacht!‘ ..."