Zum drittenmal standen jetzt jene Männer vor Gericht, die im April 1945, kurz vor Kriegsende, drei Bürger des fränkischen Dorfes Brettheim hängen ließen. Zwei der Angeklagten wurden mangels Beweise auch diesmal freigesprochen: der ehemalige SS-Generalleutnant Simon und der Major a. D. Otto. Der dritte, der frühere SS-Sturmbannführer Gottschalk erhielt drei Jahre und sechs Monate Gefängnis wegen Totschlages.

Manche Anzeichen deuten darauf hin, daß der Streit der Juristen damit noch nicht zu Ende ist, daß der Bundesgerichtshof noch einmal – das dritte Mal – über eine Revision entscheiden muß. Die Diskussion in der Öffentlichkeit über die Konsequenzen der Standgerichtsurteile von Brettheim ist auf jeden Fall noch nicht abgeschlossen. Denn gehängt wurden damals Bürger, die es wagten, den Gesetzen zu trotzen, mit denen Macht und Leben der Führer des Dritten Reiches noch um ein paar Tage verlängert werden sollten, Bürger, die der kämpfenden Truppe – so formulierte es der Angeklagte Simon – "in den Rücken fielen".

Sie hatten eine Gruppe von Hitlerjungen entwaffnet, weil sie verhindern wollten, daß ihr Dorf in einem Augenblick, da der Krieg schon längst verloren war, verteidigt und zerstört wurde. Sie wurden gehängt. Einer von ihnen, der Bauer Hanselmann‚ weil er die Hitlerjungen davongejagt hatte, die beiden anderen, weil sie nichts dagegen unternommen und sich überdies geweigert hatten, das Todesurteil gegen Hanselmann zu unterschreiben.

Es gebe nur wenige Menschen, die die Handlungen der Angeklagten moralisch nicht verurteilten, sagte der Gerichtsvorsitzende Dr. Wündisch in der Begründung des Urteils. Und in der Tat, welch seltsame Moral muß ein General haben, der selbst entgegen den Befehlen die Isarbrücken in München nicht sprengte, aber das Todesurteil der Bauern unterzeichnete, die, um ihr Dorf zu schützen, vier Hitlerjungen entwaffneten? Ein General, "der herzlich darüber lachte, daß ein Mittäter des Bauern Hanselmann entkommen ist" und der doch ohne Zögern das Todesurteil Hanselmanns bestätigt!

Der moralischen Verurteilung schloß sich das Gericht an – wenn auch mit einer vorsichtigen Formulierung. Zur rechtlichen Verurteilung konnte es sich nur in einem Fall entschließen. Es ging davon aus, daß die Taten der Brettheimer Bürger "in objektiver Hinsicht und nach dem herrschenden Recht strafbar" gewesen seien. Gottschalk wurde verurteilt, weil er das Standgerichtsverfahren nicht ordnungsgemäß, sondern als "Scheinverhandlung" durchgeführt hatte. Das Ansbacher Gericht in Widerspruch zu dem Revinach denen die Bürger von Brettheim zum Tod durch Erhängen verurteilt wurden, für die damaligen Richter als verbindlich anerkannt. Gottschalk machte sich strafbar, weil er diese Gesetze nicht "ordnungsgemäß" angewandt hatte.

Damit aber, so sollte man meinen, hat sich das Ansbacher Gericht in Widerspruch zu dem Revisionsbeschluß des Bundesgerichtshofs gesetzt. Denn dort hieß es unmißverständlich: "Gesetze, die die Gerechtigkeit nicht einmal anstreben und allen Kulturvölkern gemeinsame Rechtsüberzeugungen von Wert und Würde der menschlichen Persönlichkeit gröblich mißachten, schaffen kein Recht, und ein ihnen entsprechendes Verhalten bleibt Unrecht." Zwei Gerichte – zwei Meinungen. Es scheint, daß der Fall Brettheim die Juristen noch weiter beschäftigen wird.

Sicher aber ist, daß eine Äußerung des Bundeswehrgenerals von Hobe, der in Ansbach als Sachverständiger gehört wurde, noch lange diskutiert wird. Auf die Frage, was wichtiger sei – der Schutz der Zivilbevölkerung oder die Rücksicht auf die Truppe – antwortete der General: "Die Zivilbevölkerung kommt erst an zweiter Stelle. Erst kommt das Instrument der Truppe." Es war eine Antwort, die den Staatsbürger erschrecken müßte. Glücklicherweise vertrat ein zweiter Bundeswehrgeneral, Graf Kielmannsegg, eine sehr viel einleuchtendere Meinung. Er sagte: "Die eigentliche Funktion des Soldaten ist der Schutz des Landes und der Bevölkerung. Jede nur mögliche Rücksichtnahme auf sie ist einzubeziehen – natürlich unter Berücksichtigung der militärischen Situation."

Der General Simon scheint sich über diese Probleme keine Gedanken gemacht zu haben. Für ihn war das, was in Brettheim passierte, schlicht eine "Schweinerei". Daher glaubt er noch heute, daß er im Recht sei. R. Z.