Von Johannes Jacob

Opernsänger werden wie die Wertpapiere an der Börse gehandelt. Seitdem es so viele Festspiele gibt, ziehen die Kurse kräftig an. Bayreuth freilich bietet da nicht mit. Das ist eine Tradition – wohl die einzige aus Altbayreuther Zeiten –, die auch von jenem Neubayreuth geachtet wird, das in diesem Sommer sein erstes Jubiläum feiert: die zehnjährige Existenz des szenischen Schocks als Gesellschafts-Magnet.

Besagte Tradition wurde von einem süddeutschen Kritiker vor kurzem so formuliert: "Ehre, wem Honorar gebührt." Leonie Rysanek hielt dennoch mehr von einer amerikanischen Gage als von der Bayreuther Ehre. Durch ihren Verzicht wurde im "Fliegenden Holländer" die Rolle der Senta frei. Da auch noch George London, wie es heißt: wegen Krankheit, die Titelpartie abgab, mußten die beiden Hauptrollen der vorjährigen Inszenierung Wieland Wagners diesmal neu besetzt werden. Das war eine Chance für die Jugend.

Den abwesenden Weltstars müßten die Ohren geklungen haben. Zwar bedeutet Beifall in Bayreuth nicht mehr allzuviel. Seitdem sich auch auf dem Grünen Hügel der Vorhang für den Applaus wieder hebt und die Künstler noch durch die Pforte des eisernen Vorhanges schlüpfen, macht das Publikum nicht nur vom Trubel, sondern auch vom Jubel einen gar leichtfertigen Gebrauch. Aber der Orkan nach dem "Fliegenden Holländer" bestätigte denn doch den Durchbruch zweier junger Sänger in die Prominenz.

Anja Silja, die neue Senta, ist ganze zwanzig Jahre alt. Kritiker sind von vornherein skeptisch, wenn schon bei einer jungen Schauspielerin das Lebens- und das Rollenalter übereinstimmen. Und nun gar bei einer Sängerin! Zu allem übrigen war Anja Silja auch noch ein Wunderkind. Mit zehn Jahren hat diese Berlinerin finnischer Abstammung im Berliner Titaniapalast Arien aus "Madame Butterfly", "La Traviata" und "Tosca" gesungen. Als Fünfzehnjährige debütierte sie auf der Opernbühne als Rosina im "Barbier von Sevilla". Mit Achtzehn wurde sie Mitglied der Stuttgarter Staatsoper und gastierte bald in Wien und Paris als Königin der Nacht. Heute gehört sie den Städtischen Bühnen in Frankfurt am Main an, als Koloratursängerin. In Bayreuth war sie jetzt eine "Jugendlich-Dramatische" ganz eigener Prägung. Das Wunderkind hat seine Stimme gerettet. Sie ist schön von Natur und dazu so durchgebildet, so einheitlich im Ausgleich der Register und von einer Kraft, die staunen macht. Das war als Debüt eine richtige Sensation. Außerdem ist diese junge Sängerin hörbar intelligent. "Ich bin ein Kind und weiß nicht, was ich singe." Diesen Satz der Senta hat man noch kaum einer Wagner-Heroine geglaubt, ehe Anja Silja ihn sang.

Der Holländer dieser Aufführung heißt Franz Crass. Er ist "schon" zweiunddreißig Jahre alt, in Hannover engagiert und den großen Bühnen als kommender Mann bekannt. In Bayreuth hat er im Chor angefangen. Voriges Jahr durfte er als zweite Besetzung mal den König Heinrich im "Lohengrin" singen. Seriöser Bassist also. Als er nun "Die Frist ist um", den Auftrittsmonolog des Holländers, eine vertrackte Zwischenfach-Arie der Bässe, gesungen hatte, war ich hingerissen. Der war ja sogar noch besser – so schien mir – als im vorigen Jahr der große George London. Crass hat dieses erste freudige Urteil dann nicht ganz bestätigen können. Sein Organ klingt in der Höhe manchmal gaumig. In der Stimmführung war er nicht ganz so makellos wie seine Partnerin Anja Silja. Doch die Reserven dieses prachtvollen Basses sind so beträchtlich, daß Crass, indem er sich nicht völlig verausgabte, den Eindruck großer Souveränität hinterließ. Zudem bringt er eine imponierende Erscheinung ins Spiel. Man hätte ihr eine sinnvollere Entfaltung gewünscht als in der Inszenierung Wieland Wagners, wo dieser unglückliche Seemann an Land verenden muß, während seine Geistermannschaft in den Fluten erlöst wird.

Am Tage danach gab’s in Bayreuth einen weiteren Rekord: Wolf gang Sawallisch, der stürmische "Holländer"-Dirigent, ist unter die alten Herren eingerückt; er mußte den Begabungs-Orden des "jüngsten Dirigenten" an den dreißigjährigen Lorin Maazel weitergeben.