Von Theo Sommer

Harvard, Ende Juli

Manchen Generationen wird vieles geschenkt. Von anderen Generationen wird vieles erwartet. Unsere Generation hat ein Rendezvous mit dem Schicksal ..." Es war Franklin Delano Roosevelt, der diese Worte vor einem Vierteljahrhundert sprach – der letzte amerikanische Präsident, der sein Amt ganz ausfüllte, der es verstand, zugleich Monarch, Ministerpräsident und Parteiführer zu sein.

Gewiß zeigte sich auch Harry Truman kraftvoller Entscheidungen fähig, als es um den Marschallplan ging und um Korea, dennoch blieb er meist Parteiführer. Dwight D. Eisenhower indes war zuvörderst Monarch, Verkörperung der Tugenden wie der Schwächen seiner Nation; ein guter Mensch, aber ein schwacher Präsident; ein Mann der schönsten Absichten, aber der zaghaften Entscheidungen; ein Hamlet, dem nicht einmal Monologe einfielen. Eisenhower versagte als Führer einer Weltkoalition. Er vermochte die Zeichen der neuen Zeit nicht zu deuten.

Nun ist es in der amerikanischen Geschichte seit Lincolns Tod noch stets so gewesen: Die Republikaner waren die Partei des Beharrens, des Treibenlassens, der Selbstgefälligkeit, die Demokraten hingegen die der energischen Reform, des Fortschritts, der neuen Horizonte. "Normalität", "Frieden und Wohlstand", "keine Experimente" so lauteten die republikanischen Schlagworte, Ruhe ist ihnen die erste Bürgerpflicht. Die kühnen Programme dieses Jahrhunderts aber tragen ein demokratisches Etikett: Wilsons New Freedom, Roosevelts New Deal, Trumans Fair Deal. Und nun – Kennedys New Frontier.

Die frontier, das war einst jene Grenze der Zivilisation, die Amerikas Pioniere im vergangenen Jahrhundert immer weiter nach Westen schoben, über den Mississippi hinweg in das große Felsengebirge bis an die Gestade des Pazifik. Der "Geist der Grenze", der sich den Kontinent unterwarf, hat Amerika einst groß gemacht. Er forderte Bewährung und Entschlossenheit. Er prägte einen furchtlosen, wagemutigen Menschenschlag. "Die Pioniere waren nicht die Gefangenen ihrer eigenen Zweifel", so charakterisierte Kennedy sie in seiner Rede vor dem Parteikonvent. Und in Worten, in denen die erzene Härte Rooseveltscher Prosa aufs neue anklang, erklärte John F. Kennedy den Amerikanern:

"Heute möchten manche sagen, daß all jene Kämpfe vorüber seien, daß alle Horizonte erforscht sind und alle Schlachten gewonnen, daß es keine amerikanische Grenze mehr gibt. Aber... die Probleme sind keineswegs alle gelöst, die Schlachten nicht alle gewonnen. Wir stehen heute vor einer neuen Grenze – der Grenze der 1960er, einer Grenze unbekannter Chancen und Gefahren, einer Grenze noch unerfüllter Hoffnungen und Bedrohungen.