Schon Anfang des nächsten Jahres werden amerikanische Raketen etwa 90 Prozent aller militärischen Ziele in der Sowjetunion erreichen können. Damit hätten die Vereinigten Staaten dann ihr wichtigstes rüstungstechnisches und strategisches Ziel erreicht: die Raketenlücke zu schließen. Der erfolgreiche Abschuß zweier "Polaris"-Raketen von einem getauchten Atom-U-Boot aus war in der letzten Woche die entscheidende Probe.

Als die Sowjets bei der Suez-Krise mit Raketen drohten und protzten, wurde der Öffentlichkeit im Westen bewußt, daß das militärische Kräfteverhältnis sich zu Gunsten der Sowjets verändert hatte. Der Vorteil, den das Strategische Bomberkommando den Amerikanern bis dahin geboten hatte, war durch Interkontinentalraketen der Sowjets mehr als aufgewogen. Als Gegenzug errichteten die USA Basen für Mittelstreckenraketen auf Stützpunkten in Westeuropa und Asien – ein Provisorium, das militärisch unbefriedigend war, weil es politische Schwierigkeiten mit sich brachte. Die Hoffnung der Amerikaner, diese Kalamität zu überwinden, konzentrierte sich seitdem auf drei Vorhaben:

1. Auf die Interkontinentalrakete, von denen die Atlas für "einsatzbereit" erklärt wurde, und die Minuteman, die in die Erprobung geht.

2. Auf Luft-Boden-Raketen für das Bomberkommando, von denen die Ho und Dog zur Verfügung steht und die Skybolt in vier Jahren einsatzbereit sein soll.

3. Auf die Polaris-Rakete.

Der "Polaris"-Rakete haben die Sowjets nach allen bekannten Informationen keine entsprechende Waffe entgegenzusetzen. Die 8,5 Meter lange und 35 Tonnen schwere Waffe wird von einem getauchten U-Boot aus mit Preßluft an die Wasseroberfläche geschossen, wo die erste Stufe des Feststoff-Treibsatzes zündet. Der soeben erprobte Typ hat eine Reichweite von rund 1700 Kilometern, doch sind zwei weitere Ausführungen mit 2700 und 4000 Kilometern Reichweite vorgesehen.

Die Kombination Atom-U-Boot (das monatelang; ohne Treibstoffaufnahme unter Wasser und Eis kreuzen kann) und Rakete macht diese Waffe so schlagkräftig, daß Abwehrmaßnahmen gegenwärtig kaum möglich sind. Da außerdem der "Transit"-Navigationssatellit eine Standortbestimmung der Boote mit bisher nicht erreichter Genauigkeit ermöglicht, wird die unter Wasser abgeschossene "Polaris" auch größte Treffsicherheit erreichen.

Anfang nächsten Jahres, so rechnet die US-Navy, wird das erste mit sechzehn "Polaris". Raketen vollbestückte U-Boot aus seinem Heimathafen auslaufen. Dann wird vom ersten Augenblick an jede Rakete durch elektronische Rechengeräte ständig auf ihr Ziel eingesteuert sein. An Land aber wartet eine zweite Besatzung darauf, nach rund 90 Tagen die erste Crew abzulösen und sofort wieder auszulaufen. II. M.