Finnlands bezaubernder Sommer mit seinen kurzen, weißen Nächten läßt einen politische Probleme im allgemeinen vergessen. In diesem Jahr aber werden sie diskutiert. Der Versuch der Regierung Sukseleinen, ihre parlamentarische Basis, die nur aus der Bauernpartei besteht, durch Einbeziehung der anderen bürgerlichen Parteien und der Linkssozialisten auf 113 von 200 Reichstagssitzen zu verbreitern, ist gescheitert. Daher muß weiter verhandelt werden, denn gegenwärtig ist die Regierung zu schwach, um die wichtigste Aufgabe der kommenden Monate zu meistern: die Assoziierung Finnlands mit der EFTA. Falls die Verbreiterung der Regierungsbasis gelingt, bleibt zwar neben den 50 Kommunisten auch noch die Opposition der 37 Tanner-Sozialisten, die aber wahrscheinlich einer Assoziierung mit der EFTA zustimmen würden, so daß ein entsprechender Vertrag eine Mehrheit finden würde.

Finnland ist durch einen Reichstagsbeschluß vom 17. November 1959 bereits offiziell auf den EFTA-Kurs festgelegt. Seit Anfang dieses Jahres wird mit der EFTA zwar nicht über eine Mitgliedschaft – die wegen der Verträge mit Moskau als nicht opportun erscheint –, wohl aber über eine Assoziierung (gemäß Artikel 41 der EFTA-Konvention) verhandelt. Die Einzelheiten seien weitgehend ausgearbeitet, erklärte in einem Gespräch der zuständige Beamte des finnischen Handelsministeriums, aber offen sei noch, ob die Sowjetunion, mit der offiziell noch keine Fühlung aufgenommen worden ist, Einspruch erheben werde.

Es ist klar, daß Moskau Finnland lieber mit der Ostblock-Wirtschaft, dem Comecon, als mit den "Sieben" verbunden sähe, In diesem Sinne sollen sich auch Chruschtschow und Mikojan geäußert haben. Eine rot-grüne Regierung, bestehend aus Kommunisten, Linkssozialisten und Bauernparteilern, könnte eine engere wirtschaftliche Verbindung mit dem Ostblock beschließen, so meint man in Moskau. Aber zu einer solchen Volksfront ist die Mehrheit der Bauernpartei nicht bereit. Moskau gebraucht mittlerweile Zuckerbrot und Peitsche; es verspricht einen 500-Mill.-Rubel-Kredit für den Bau von Kraftwerken und eines Stahlwerkes sowie erhöhte Käufe finnischer Waren, droht aber anderseits mit der Drosselung seiner Einfuhren aus Finnland.

Von dem finnischen Außenhandel entfallen je rund 30 vH auf die EFTA und die EWG, 25 vH auf den Ostblock. Die Sowjetunion bemüht sich mit einem gewissen Erfolg, die Beziehungen mit Finnland durch bilaterale Verträge auszubauen.

Aber Finnlands "klassische" Industrien exportieren traditionsgemäß etwa drei Viertel ihrer Erzeugnisse nach dem Westen. Großbritannien ist der bedeutsamste einzelne Abnehmen Mit Norwegen und vor allem mit Schweden bestehen für die hauptsächlichsten Exportgüter (Holz, Papier und verarbeitete Produkte) so enge Verbindungen ~~~ ~~~ ~~~ ~~~ ~~~ Diese Erzeugnisse machen ein Viertel der finnischen Ausfuhr aus. Die Exportquote dieser Industriezweige liegt über 80 v H; sie übersteigt bei Zeitungsdruckpapier sogar 90 v H.

Diese finnischen Exporte gehen zum größten Teil nach Großbritannien. Sie wären gefährdet, wenn die schwedische und norwegische Produktion am englischen Markt durch EFTA-Zollsenkungen (noch stärker, als es schon ab 1. Juli der Fall ist) bevorzugt würde. Gefährdet sind natürlich auch die Lieferungen nach den EWG-Ländern, besonders nach Deutschland. Ein Assoziierungsvertrag würde wenigstens den einen Teil dieser Gefahren bannen, setzt allerdings – wenn ein Konflikt mit Moskau vermieden werden soll – voraus, daß die den EFTA-Ländern bei Lieferungen nach Finnland gewährten Vorteile auch der Sowjetunion oder gar dem ganzen Ostblock gewährt werden. Die EFTA-Länder würden, so meint man in Helsinki, zustimmen.

Könnte die finnische Regierung die EFTA und Ostblockinteressen auf eine gemeinsame Formel bringen, was eine große politische Leistung wäre, dann wäre der Hauptleidtragende die deutsche Metall-, Maschinen- und Automobilindustrie. Die deutschen Lieferungen nach Finnland würden mit höheren Zöllen belastet als jene der wichtigsten Konkurrenzländer.