RH–Hamburg

Die vier Angeklagten sind nur mäßig erfreut darüber, wieder vereint zu sein. Zwei von ihnen, zur Zeit in Freiheit, sehen sich kaum um, als die Wachtmeister den beiden anderen, die "aus der Haft vorgeführt" werden, die Handschellen lösen. Auf der Anklagebank, die nur knapp zwei Meter lang ist, wird’s eng.

Obwohl – laut polizeilichem Protokoll – meistens "ohne Einkommen sehen Serner, genannt Holzarm-Otto (vier Vorstrafen), Nowaczyk, genannt Toni (zehn Vorstrafen) und van Empel, genannt Leo (sieben Vorstrafen), doch wohlgenährt aus. Nur Kaufmann (sieben Vorstrafen) ist von Natur schmächtig.

Die vier kennen einander gut. Sie alle sind Dauerkunden in den Lokalen der Reeperbahn, der Großen Freiheit und ihrer Nebenstraßen. Dort gibt es immer etwas zu tun.

Am 29. Februar taten sie gemeinsam, wofür sie jetzt so eng zusammen vor Gericht sitzen. Ihr Opfer, der damals vierzehnjährige Schüler aus einer Kleinstadt in Baden, ist längst wieder zu Hause. Er hat, was er in Hamburg erlebte, der Polizei an den Landungsbrücken und einem Amtsrichter in Bruchsal erzählt. Der Bericht begann so:

"Da ich in der Schule schlechte Zensuren zu erwarten hatte, fürchtete ich, daß mein Vater mich nun in eine Lehre schicken würde. Ich wollte aber lieber weiter zur Schule gehen. Darum beschloß ich, nach Amerika zu fahren. Ich lebte bei meinem Onkel, der Pfarrer ist. Meine Eltern wohnen auf dem Lande, und von da ist es zu weit zur Schule. Ich wußte, daß mein Onkel Geld in seinem Schreibtisch aufbewahrt. Ich wußte auch, daß der Schlüssel dazu im Stehpult im Studierzimmer lag. Ich nahm aus dem Schreibtisch vierzehnhundert Mark und 35 Dollars. Ungefähr dreihundertundfünfzig Mark waren in Papierrollen mit Zehnpfennigstücken. Ich legte die Rollen und ein Fernglas in eine Aktentasche und die Scheine in meine Brieftasche und fuhr am 28. Februar um 13.53 Uhr mit dem Zug von Haueneberstein ab nach Hamburg. Ich wollte mir als Seemann die Überfahrt verdienen. Ich hatte mir auch einen Totschläger besorgt."

So kam Karl nach Hamburg. Auf der Reeperbahn traf er frühmorgens den Holzarm-Otto und Toni Nowaczyk. Sie fragten ihn, ob er nicht eins ausgeben wolle, und Karl sagte ja. Sie gingen zusammen in ein Lokal in der Schmuckstraße. Der Vierzehnjährige bestellte sich eine Tasse Kaffee und gab jedem seiner Begleiter fünf Mark. "Bestellen Sie sich, was Sie wollen."