Der Wind blies scharf von zwei Seiten, von links und aus der Länderecke. Der Scheinwerfer, der ohnehin nicht stark genug gewesen war, alle Einzelheiten der Bühne zu beleuchten, erlosch. Als er kurz darauf wieder aufleuchtete, sah das staunende Publikum das neueste Wunderkind des weltberühmten Zauberkünstlers: die "Deutschland Fernseh-Gesellschaft mit beschränkter Haftung". Der Assistent (nicht als Justizminister angetan, sondern als Privatmann verkleidet) rief "Hepp", während Meister Adenauer lächelnd zum Sektglas griff. Da schwoll der Wind zum Sturm. Wenn er sich gelegt haben wird, dann wird sich herausstellen, daß das mit der Geburtshelferzange ans Licht der Welt gebrachte Wunderkind äußerst lebenskräftig ist.

Ins Seil, an dem die Streiter im Kampf um das zweite Fernsehen seit Jahren rissen, war ein Gordischer Knoten geraten – einer? ... viele, so daß sie kaum noch zu zählen,sind. Und daß der Bundeskanzler sie auf einen einzigen Streich allesamt durchhieb ("Hepp" – so lautete auch der Inhalt der Worte, welche die Minister Schröder und Stücklen auf der anschließenden Pressekonferenz äußerten), das wird dem alten Chef der "Kanzlerdemokratie", wenn das zweite Fernsehen erst einmal zustande gekommen ist, keiner mehr übelnehmen.

Wer in dieser Stunde den Blick auch einmal nach vorn, anstatt allein in die jüngste, aufgewühlte Vergangenheit richtet, wer nicht nur untersucht, wie da etwas, sondern auch was da zustande kam, der wird sagen, sofern er von der Sache her denkt und in der Materie beschlagen ist, daß das neue Ding, gar nicht so übel ist. Wenigstens wird das zweite Fernsehen keine Fernsehdirektoren-Konferenzen haben, auf denen diverse Programme abwechselnd festgelegt und nach dem Schlüssel der Zuschauermassen in einzelnen Sendebereichen verteilt werden. Es wird dort auch der Koordinator fehlen, der fast keine Vollmacht hat und trotzdem verpflichtet ist, verschiedene Programm-Interessen unter einen Hut zu bringen: ein. Ausbügler mehr denn ein Anreger. Es wird – so wird versichert – keine Parteiabgeordneten in den Aufsichtsgremien geben und überhaupt werden weniger Überwachungsausschüsse existieren.

Es gab bisher einen kräftigen Einwand gegen den Plan, das zweite Programm nicht ebenfalls von den schon vorhandenen Anstalten machen zu lassen. Dieser Einwand lautete: "Woher sollen die Fachleute kommen, von denen es nicht gar zu viele gibt?" Nun aber stellt sich heraus, daß das zweite Fernsehen eine große Anziehungskraft auf Mitarbeiter ausübt, die sich bisher bei den alten Fernsehstationen bewährt haben. Und schon ist gewiß, daß das Beispiel des bisherigen in Amerika arbeitenden Fernsehberichterstatters Peter von Zahn‚ der zum Freien Fernsehen hinüberwechselt, Schule machen wird. Ist dies nicht dazu angetan, die Bedenken, daß ein großer Einfluß seitens der jeweiligen Bundesregierung zu erwarten sei, aufzuwiegen?

Auf den für die Programmgestaltung des zweiten Fernsehens verantwortlichen Mann – ob er Intendant oder wie immer heißt – sind wir gespannt. Ob er nun das Vertrauen der Bundesregierung hat oder auch die Mehrzahl der Länderregierungen für sich gewinnt: das wichtigste bleibt, daß er weiß, wie gute Fernsehprogramme zustande kommen! Josef Müller-Marein