Meiner Meinung nach verlieren sich diese Töne gar nicht in der Unendlichkeit, sondern in den Herzen aller Liebenden. Und seit den Fünfzig Stanzen eines Diebes, der herrlichen, vor 2000 Jahren geschriebenen Chaura Panchasika des Bilhana, seit Omar Khayyam, Saadi und Hafis hat die zu Versen gestanzte Sehnsucht immer nur eins mit ihren Neutronen bombardiert: das zuckende, menschliche Herz.

Als die Malaiischen Liebeslieder 1934 in Paris erschienen, verglich man sie mit den Gedichten der Sappho und dem Hohen Lied Salomos. Die Pariser Kritik war fest davon überzeugt, daß es sich um authentische malaiische Lieder handle, so sehr hatte Yvan Goll den Ton getroffen. Darum begrüßte sie auch die neuen magischen Bilder mit stürmischem Lobeshymnus. Handelte es sich doch, wie man annahm, um exotische Dichtung. Wie überall in der Welt, gilt der Prophet nichts in seinem Vaterland, und der Dichter, der das prophetische Wort handhabt und nichts anderes als lieben will, wird heutzutage leicht überhört, während die Liebesschreie anonymer Primitiver ihm von snobistischen "Kennern" vorgezogen werden. Deshalb auch ließ Yvan Goll die Pariser Kritiker ein Jahr lang im Glauben an die "malaiische" Echtheit seines Zyklus. Dann erst bekannte er sich zu seiner Dichtung. Hatte er doch nichts anderes getan als James MacPherson (1736-1796), der seine Zeitgenossen mit seinen Elegien Ossians mystifiziert hatte.

Daß die Malaiischen Liebeslieder mit ihrem Rhythmus der Hingabe und Verzweiflung zeitlos sind, beweist die Tatsache, daß die ganze Welt sie nach ihrem Erscheinen in deutscher Sprache, 1952, adoptierte. Sie sind in die litauische, englische, bengalische, serbische, rumänische, neu-griechische, spanische, japanische, italienische und in andere Sprachen übertragen worden, und in den Vorworten zu den verschiedenen Ausgaben wird Yvan Goll nach wie vor mit Salomo, mit Sappho, mit Johann vom Kreuz verglichen. Und wenn Alfred Richard Meyer, im Mai 1952, in der Hamburger Zeitung über die Gedichte schrieb: "In der ganzen deutschen Literatur gibt es kaum etwas Ähnliches", so glaube ich, daß dieser Satz auch in Deutschland meine Wahl verantworten dürfte.

CLAIRE GOLL, geboren 1901 in Straßburg, die Witwe Yvan Golls, lebt in Paris. Sie veröffentlichte 1918 ihren ersten Gedichtband "Mitwelt"; danach Romane, Novellen und vor allem Gedichte in deutscher und französischer Sprache. Mit Yvan Goll zusammen gab sie heraus "Poemes d’Amour", 1925, "Poemes de la Jalousie", 1926, "Poemes de la Vie et de la Mort", 1927, "Dix Mille Aubes", 1951, "Zehntausend Morgenröten", 1952 und "Neue Blümlein des heiligen Franziskus", 1952.