Von Heinz Michaels

Wir müssen gegen die Front des Bergbaus anstürmen!" Mit hochrotem Kopf ruft der grauhaarige FDP-Stadtverordnete Schäfer diese Worte seinen Kollegen von der Hertener Stadtverordnetenversammlung zu und klopft dabei erregt auf das Rednerpult. Er erntet Beifall von allen Seiten des Hauses. Aus purem Eigennutz, so sagt er, versuche der Bergbau, die Ansiedlung der Ford-Werke zu verhindern. "Wir haben kein Verständnis dafür, daß der Bergbau meint, wir müßten wieder zu Kreuze kriechen!"

In der Stadtverordnetensitzung am Freitag letzter Woche hatte Stadtdirektor Stanke vorher mit nüchternen Worten die Vorgänge geschildert, die zur Erregung in der Hertener Bevölkerung geführt haben. Ende Mai erkundigte sich ein Kölner Makler bei der Stadt nach Industriegelände für ein großes Unternehmen. Mitte Juli decouvrierte sich der Interessent: die Ford-Werke wollen einen Zweigbetrieb mit rund 6000 Arbeitskräften errichten. Am 19. Juni wurde zwischen dem Grafen von Nesselrode-Reichenstein und den Ford-Werken ein Vorvertrag über den Verkauf eines Grundstückes von 1,1 Millionen Quadratkilometern abgeschlossen.

Alles schien gutzugehen. Die Ruhrgas AG, der inmitten des Geländes ein 84 000 Quadratmeter großes Grundstück gehört, war zum Verkauf bereit, und zwei Bergwerksgesellschaften erklärten sich mit der Aufhebung eines Dauerpachtvertrags über einen Teil der Fläche einverstanden. Da kam Anfang Juli die Wende. Ein Kreis von Bergwerksgesellschaften, Aktionäre der Ruhrgas, machte eine Opposition zum Kauf des Ruhrgas-Grundstücks geltend, außerdem wurde die Bereitschaft zur Pachtaufgabe zurückgezogen. Das restliche Gelände ist für Ford zu klein.

Die Stadt unterbreitete einen Alternativvorschlag. Sie beantragte beim Ruhrsiedlungsverband, ein anschließendes Grundstück von 400 000 Quadratmetern aus der Grünfläche herauszunehmen und es als Industriegelände auszuweisen. Damit wäre eine zwar nicht ideale, aber ausreichende Fläche gegeben. Über den Antrag muß der Verbandsausschuß entscheiden. In seiner Sitzung am 14. Juli hat er die Entscheidung vertagt (sie soll am Freitag fallen).

Ein Blick in die Statistik zeigt, warum die Stadt so große Anstrengungen macht, den Ford-Zweigbetrieb in Herten anzusiedeln. Von den 13 058 Beschäftigten arbeiteten im zweiten Halbjahr 1958 9383 im Bergbau. Das sind 71,86 vH. Inzwischen haben fast 1000 Arbeiter den Zechen den Rücken gekehrt. Etwa 600 mußten sich außerhalb einen Arbeitsplatz suchen. Die Stadt mit ihren 53 000 Einwohnern braucht also andere Industriebetriebe zum Ausgleich der einseitigen Wirtschaftsstruktur. Die Lage in den anderen Bergbaustädten im nördlichen Revier zwischen Emscher und Lippe ist ähnlich.

In Gesprächen mit den Kommunalpolitikern der Ruhrstädte taucht immer wieder die Erinnerung an die Krise der zwanziger Jahre auf. Auch Stadtdirektor Stanke kommt darauf zurück: "Als 1931 die einzige Schachtanlage in Erkenschwick geschlossen wurde, gab es in dem 25 000 Einwohner großen Städtchen fast nur noch Empfänger von Sozialunterstützung. Überlegen Sie bitte, eine ganze Stadt von Sozialrentnern!" In Herten sind heute zwei Schachtanlagen in Betrieb. Aber es ist Tagesgespräch, daß die eine Zeche von Schließung bedroht ist. Die andere Zeche gehört allerdings zu den lukrativsten des Reviers.