Von Dieter E. Zimmer

Als 1455 die Schwarze Kunst erfunden war, und die moderne Buchgeschichte ihren Anfang nahm, herrschte die Ansicht vor, daß Bücherschreiben kein Broterwerb sei. In der wissenschaftlichen Literatur hat sie sich bis heute mehr oder weniger erhalten: die etwa 60 Mark, die ein Gelehrter pro Druckbogen (zu 16 Seiten) erhält, sind kaum mehr als ein Ehrensold. Hier hat sich erst vor wenigen Jahren, mit der Erfindung des wissenschaftlichen Taschenbuchs, das dem Autor seinen Anteil am Verkaufserfolg sichert, eine Wandlung angebahnt.

Und über die Honorierung von Dichtungen schrieb Goethe ("Dichtung und Wahrheit" III, 12), eine gute alte Zeit vielleicht etwas zu milde verklärend: "Die Produktion von poetischen Schriften ... wurde als etwas Heiliges angesehen, und man hielt es beinah für Simonie, ein Honorar zu nehmen oder zu steigern." Goethe selber hielt es jedenfalls nicht mehr für Simonie.

Im 15. Jahrhundert waren Autorenhonorare schlechthin unbekannt, weil fast ausschließlich Standardwerke gedruckt wurden. Aber oft wurden berühmte humanistische Gelehrte mit Editionsaufgaben betraut, und die taten es keineswegs ehrenamtlich. Einer der ersten Empfänger eines Autorenhonorars war Thomas Murner, der 1514 für seinen "Geuchmatt" pro Bogen vier Gulden erhielt. Was heißt "vier Gulden"? Zur selben Zeit betrug der Jahreslohn eines Wiener Schulmeisters vier, der einer Magd anderthalb Gulden; und für einen Gulden bekam man vier Lämmer.

Die Auflagen waren damals viel kleiner als heute; das Buch war wirklich noch ein Wertgegenstand – die Gutenberg-Bibel kostete 42 Gulden, und mit früheren handschriftlichen Codices verglichen, war auch das schon ein Spottpreis: Im Jahre 1074 hatte die Schreiberin Diemund von Wessobrunn ihrem Kloster für eine zweibändige Bibel ein Landgut erworben!

Einer der ersten Gelehrten, der sich und seine Familie mit der Schriftstellerei über Wasser hielt, war Konrad Gesner. Allerdings nicht mit Honoraren; für ein gelehrtes Werk Lohn entgegenzunehmen, galt der Zeit als unwürdig; Geschenke hingegen nahm man gern. So entwickelte sich die Praxis der Dedikation: Fürsten und Stadträten wurden die Schriften nicht nur gewidmet, sie erhielten gleich eine Teilauflage ins Haus geliefert, und dafür durfte man eine "Verehrung" von ihnen erwarten. Oft wurde sie in Naturalien abgegolten. Für sein Werk von den vierfüßigen Tieren, das Gesner dem Rat von Zürich verehrt hatte, erhielt er zehn Malter Kernen und zehn Eimer Wein jährlich. Auch Kant bekam für die "Kritik der praktischen Vernunft" (1781) von seinem praktischen Verleger Hartknoch neben 700 Talern: 16 Göttinger Würste und zwei Pfund Schnupftabak.

Diese Dediziererei, von Verlegern unterstützt, die die finanzielle Verantwortung für die Autoren von sich abzuwälzen bemüht waren, nahm groteske Formen an. Große Gelehrte wurden zu untertänigsten Knechten, die vor ihren großmächtigsten Herren im Staub lagen und sich gegenseitig in der Lobhudelei überboten. Nach dem Dreißigjährigen Krieg ging solches Schnorrertum wohl zurück, aber noch im Jahr 1798 sah sich der Senat der Freien Stadt Hamburg "durch die Menge der Einsendungen und Dedikationen literarischer Produkte von sehr ungleichem Wert... veranlaßt, hiermit öffentlich bekannt zu machen, daß er künftig jede dergleichen ohne Anfrage an Ihn gelangende Mitteilung oder Dedikation unbeantwortet lassen werde."