Es gibt wohl kaum eine Aktie an den deutschen Börsen, deren Kurs die Zukunft schon so weitgehend vorweggenommen hat, wie dies bei der NSU-Aktie der Fall ist. Der tiefste Kurs des Jahres zugsrechtabschlag) erfuhr, dann hat der Spitzenkurs bei 3472 vH gelegen. Im Zuge der veränderten Börsensituation ist er in diesen Tagen auf 2500 zurückgefallen. Des Rätsels Lösung für das Emporschießen des NSU-Kurses heißt: Wankel-Motor. Er soll, so behaupten die Techniker, den Automobilbau revolutionieren. NSU ist mit dem Erfinder Wankel feste Bindungen eingegangen, d. h. sie kann 75 vH der späteren Lizenzgebühren kassieren. Wankeis Gesellschaft mbH bekommt 25 vH. Lizenzen sind an Curtiss-Wright (amerikanische Gesellschaft) vergeben worden; mit weiteren Firmen wird erfolgreich verhandelt. Mit der Serienherstellung des Wankel-Motors kann erst in etwa zwei Jahren begonnen werden. Die Versuche sind bislang erfolgreich durchgeführt worden.

Wenn man den Kurs der Aktien der NSU Motorenwerke AG, Neckarsulm, einigermaßen richtig sehen will, muß man wohl am besten folgende Rechnung aufmachen: Die Daimler-Aktie steht bei rund 6200 vH. An dem Tag, an dem bei Daimler die angekündigten Berichtigungsaktien ausgegeben werden, würde der Kurs (bleibt er auf 6200 vH) auf 2480 vH zurückfallen. Das ist für eine Gesellschaft, die auf das 1 : 1,5 berichtigte Kapital eine Dividende von 12 vH (auf das alte Kapital 30 vH) zahlen will, ein recht stolzer Kurs, der aber im Hinblick auf die hoheErtragskraft des Unternehmens und auf die stillen und offenen Reserven noch einigermaßen verstanden werden kann, allerdings auch mit einiger Phantasie. Nach Abzug der Berichtigungsaktien würden die Daimler- und die NSU-Aktie praktisch gleich bewertet obwohl NSU für 1959 nur 10 vH Dividende gezahlt hat. Die Reserven liegen bei NSU mit 37 Mill. DM zwar erheblich über dem Grundkapital von jetzt 27 Mill. DM. Sie sind aber nicht echt verdient worden, sondern 18 Mill. DM stammen aus dem Agio (Aufschlag) der letzten Kapitalerhöhung um 9 Mill. DM zum Ausgabekurs von 300 vH. Natürlich sind auch stille Reserven vorhanden, denn seit der Währungsreform sind etwa 130 Mill. investiert worden – und darauf wurden 95 Mill. abgeschrieben. Ohne Zweifel ist das Unternehmen auch gesund, es arbeitet rentabel. Doch das rechtfertigt den heutigen Kurs nicht.

Ich sagte Ihnen schon, meine verehrten Leser, seine Höhe resultiert auf Vorschußlorbeeren, die man dem Wankel-Motor heute bereits widmet. Versuchsmotoren laufen in der Größenordnung von 10 bis 800 PS. Ein NSU-Prinz ist mit dem Wankel-Motor ausgerüstet, der bisher 50 000 km gelaufen hat. Die bisherigen Erfahrungen entsprachen den Erwartungen. Aber die Verwaltung hat ausdrücklich betont, daß es noch zu früh ist, abschließende Ergebnisse erwarten zu wollen. Nun kann man natürlich davon ausgehen, daß eine Verwaltung stets vorsichtiger spricht, als es im allgemeinen nötig ist. Ohne Zweifel bahnt sich hier eine großartige Sache an, die man an der Börse schon heute zu honorieren gewillt ist. Die Verwaltung ist darüber nicht sehr glücklich. Der Aufsichtsratsvorsitzende, Dr. Richter (Dresdner Bank), faßte die Lage so zusammen: Die Verwaltung offeriert ein interessantes Objekt, hat aber die Katze noch nicht im Sack, während die Aktionäre die Katze offensichtlich mit Gewalt in den Sack stecken wollen.

Nun ist es natürlich klar, daß die Vergabe von Lizenzen und die Einnahmen hieraus die Ertragsrechnung von NSU wesentlich beeinflußen Verden, besonders im Hinblick auf das relativ kleine Aktienkapital von 27 Mill. DM. Gehen nur 2,7 Mill. aus den Lizenzen jährlich ein (und das ist gering geschätzt), dann sind das rund 10 vH Dividende (ohne Berücksichtigung der Steuern natürlich). Außerdem kann man damit rechnen, daß die Eigenproduktion an Wankel-Motoren ebenfalls lukrativ sein wird, so daß dem Werk damit eine Ertragskraft zuwächst, die sich sehen lassen kann. Und darauf spekulieren die Leute, die heute NSU-Aktien zu den hohen Kursen kaufen.

Im merkwürdigen Gegensatz zu dem Mut der Käufer steht die Haltung der Dresdner Bank, die seit 1928 über 50 vH des NSU-Kapitals in Händen hatte. Auf der Hauptversammlung wurde von dem Aufsichtsratsmitglied Vierhub (Vorstandsmitglied der Dresdner Bank) mitgeteilt, daß die Dresdner Bank bei den schnell steigenden NSU-Kursen ihren Kapitalanteil auf etwa 30 vH vermindert hat. Immerhin macht der Kurswert dieser 30 vH noch rund 200 Mill. DM aus und deckt damit nahezu das Grundkapital der Dresdner Bank von 220 Mill. DM. Nur ein Beispiel dafür, wie hoch die stillen Reserven in Bankbilanzen sein können. Allerdings handelt es sich hier um unversteuerte Reserven, die sich im Falle einer Realisation um mehr als 50 vH vermindern würden. An und für sich ist es nicht üblich, wertvolle Beteiligungen (hier sogar, die Majorität) einfach aufzugeben, indem man die Aktien über die Börse verkauft. In der Vergangenheit kam es häufiger vor, daß Pakete en bloc einem Interessenten verkauft wurden, der dann einen Paketaufschlag zu zahlen hatte. Hier ist man einen anderen Weg gegangen. Die Vermutung liegt nahe, daß sich kein Interessent finden ließ der anauch hier betont werden – weitgehend auf Zukunftshoffnungen gründen, noch einen Paketaufschlag bewilligen wollte. Aus der Präsenzliste ließ sich nicht ersehen, daß die Flick-Gruppe (engagiert bei Daimler, und damit auch bei DKW) NSU-Aktien erworben hat. Nach Lage der Dinge ist die Annahme, daß sich bei NSU Machtkämpfe abspielen, wenig realistisch.

Über das neue Geschäftsjahr hat der Vorstandsvorsitzende, Dr. Gerd Stieler von Heydekampf, mitgeteilt, daß der Umsatz gegenüber dem Vorjahr gestiegen ist. Das Geschäft verteilt sich je zur Hälfte auf Zweirad- und Vierrad-Fahrzeuge. In der Zweirad-Produktion liegt NSU an der Spitze der deutschen Hersteller. Für das zweite Halbjahr erwartet man wachsende Schwierigkeiten im Export.

Auf der Hauptversammlung hat die Verwaltung den Antrag, genehmigtes Kapital von 3 Mill. DM zu schaffen, zurückgezogen. Um diesen Antrag gab es eine recht hitzige Debatte. Offenbar befürchtete man, daß dieses Kapital dazu benutzt werden sollte, irgendjemandem eine Schachtelbeteiligung zuzuspielen. Aber dafür liegen keine Anhaltspunkte vor. Die Opposition wäre wahrscheinlich weniger scharf aufgefallen, wenn die Verwaltung im Frühjahr dieses Jahres einen niedrigeren Ausgabekurs als 30 vH für die jungen Aktien gefunden hätte. Damals ist offensichtlich der Eindruck entstanden, daß man den Kleinaktionären das Beziehen schwermachen wollte. Bei Kapitalerhöhungen ist man jetzt kritischer geworden.