Von Dieter E. Zimmer

Ein ebenso einfaches wie beängstigendes Rechenexempel nimmt den Leuten, die gut- oder böswillig die bevorstehende Revolution im amerikanischen Schulsystem bekritteln, den Wind aus den Segeln: Die Zahl der Schüler steigt alljährlich um 5,4 bis 7,4 vH, die der Lehrer dagegen in nicht annähernd gleichem Maße. Fehlten im Schuljahr 1959/60 in den USA schon 195 000 Lehrer (etwa 12 vH aller Lehrerstellen konnten nicht besetzt werden!), so wird sich der Abstand von! Jahr zu Jahr unerbittlich erweitern. Für die amerikanischen Erzieher, die sich den Kopf darüber zerbrechen, wie Schule und Unterricht künftig aussehen könnten, gilt es zunächst und vor allem, jene Katastrophe zu verhindern, deren Unabwendbarkeit die Statistik prophezeit.

Eine wesentlich bessere Bezahlung der Lehrer, wie sie seit langem gefordert wird, wäre ein möglicher Ausweg; nur ist die Situation bereits so verfahren, daß auch dadurch der Lehrerberuf noch nicht verlockend genug würde, um das Loch dauerhaft zu stopfen. Und die ohnehin nicht gleichmäßig hohen Ansprüche an die Ausbildung der Lehrer weiter zu senken, ist wohl als vereinzelte Notlösung möglich – auf die Dauer verbietet es sich von selbst. Schon heute unterrichten fast 100 000 nicht eigentlich qualifizierte Lehrer an Amerikas Schulen.

Radikalere Lösungen werden gefunden werden müssen. Eine Umwandlung der Schule von Grund auf ist nötig. Um den Lehrer zu entlasten und teilweise zu ersetzen, wird man außerdem etwas anderes zu Hilfe rufen: die Maschine,

Maschinen nehmen dem amerikanischen Lehrer ja schon seit Jahren einen Teil seiner Arbeit ab. Das, was bei uns die Klassenarbeit ist, ist für den amerikanischen Schüler der Test: eine Art Rätsel.. Der Klasse wird eine Reihe von Alternativfragen vorgelegt (nach dem Schema der Quiz-Sendungen: "Washington ist ein Waschpulver: Richtig oder falsch?" oder "Robert Burns war (a) ein amerikanischer General, (b) ein romantischer Romanheld, (c) ein englischer Dichter"); mit einem Spezial-Graphit-Stift trägt der Schüler die Antworten – nämlich Striche bei "richtig" oder "falsch" – auf einem Standardbogen ein; diese Bogen werden in eine elektronische Maschine gefüttert, welche die richtigen Antworten zählt und die Zettel, fertig zensiert, im Handumdrehen wieder ausspeit. Ein wenig humanes Verfahren, zugegeben – aber es nimmt dem Lehrer die Korrigierarbeit ab, und mehr Schüler kommen in den Genuß seines Talents.

Die Automatisierung des administrativen Teils des Unterrichts ist jedoch nicht mehr als ein zaghafter erster Schritt in ganz neue Bereiche der elektronischen Wunderpädagogik. Unzählige Kommissionen, Forschungsinstitute und Interessenverbände wälzen ganz andere Pläne. Zwei sind im Begriff, Gestalt anzunehmen: das "elektronische Klassenzimmer" für den Fremdsprachenunterricht und das Schulfernsehen; ein dritter, die "Lehrmaschine", hat noch einige Jahre des Experimentierens vor sich.

Das elektronische Klassenzimmer macht den Lehrer zwar nicht überflüssig, aber es steigert, um in der einschlägigen Terminologie zu bleiben, seine Leistungsfähigkeit um ein Erkleckliches. Er thront als eine Art Toningenieur vor einem Schaltbrett, ein paar Kopfhörer über die Ohren gestreift. Die Schüler sitzen nicht an Tischen oder Bänken, sondern in Einzelkabinen, die nach vorn und nach beiden Seiten geschlossen sind; auch sie sind mit Mikrophon und Kopfhörer ausgestattet. Vom Kontrolle Zentrum spricht eine auf Tonband konservierte Stimme ihnen einen Text vor, und sie sprechen ihn nach, einzeln oder gemeinsam; jeder hört dabei seine Stimme in den Kopfhörern verstärkt. Glaubt der Lehrer, der dem elektronischen Chor lauscht, irgendwo einen Fehler zu bemerken, so schaltet er sich ein und berichtigt.