Eine Frau als Ministerpräsident – das ist wirklich nichts Absonderliches mehr in einer Welt, die längst bedeutende Juristinnen, Ärztinnen und schließlich doch auch Parlamentarierinnen zu Hunderten kennt. Absonderlich oder doch höchst verblüffend freilich ist es, daß dieser erste weibliche Premierminister asiatische Gesichtszüge trägt. Sirimavo Bandaraneike (bei ihrem Vornamen wird die dritte, beim Nachnamen die vierte Silbe betont) hat jene gängige Auffassung erschüttert, die besagt, das Morgenland sei ein letztes Machtreservat der Männer.

Dabei ist diese Frau, in deren Händen seit ein paar Tagen die Geschicke des Zehn-Millionen-Staates Ceylon liegen, durchaus nicht das, was manim westlichen Sinne "emanzipiert" nennen könnte, und gewiß ist sie keine Karriere-Politikerin. Der kurze steile Weg, der sie zum höchsten Regierungsamt hinaufführte, ist nicht durch die klaren Thesen eines politischen Programmes markiert – er ist vielmehr mit den Tränen der Rührung und Sentimentalität getränkt.

Dieser Weg begann vor noch nicht einem Jahr, am 25. September 1959, als der ceylonesische Ministerpräsident Bandaraneike auf der Terrasse seines Hauses in der Hauptstadt Colombo vor den Augen seiner Frau unter den Pistolenschüssen eines Attentäters zusammenbrach.

Mit dem Tode des Premierministers, dessen Regierungspolitik verschwommen und umstritten war, der aber den armen Bevölkerungsschichten als vergötterter Schutzherr erschien, verlor die Freiheitspartei ihren einzigen überragenden Führer. So gewann die Opposition, die konservative "Vereinigte Nationalpartei", den Ministerpräsidentensessel zurück. Und sicherlich säße auch nach diesen Wahlen Parteichef Dudley Senayake noch darauf, wäre nicht vor ein paar Monaten eine 44jährige Frau, Mutter von drei Kindern, aus der Stille ihres häuslichen Kreises in die politische Arena getreten.

Sirimavo (also: "die Glückliche") Bandaraneike stellte sich an die Spitze der Freiheitspartei, und sie folgte auch insofern dem Vorbild ihres Mannes, als sie sich im Wahlkampf immer mehr in die Rolle einer Beschützerin der Armen hineinsteigerte. Überhaupt war ihre ganze Kampagne so sehr auf das wehmütige Andenken an ihren Mann abgestellt, daß sie bald im ganzen Land die "weinende Witwe" hieß.

Dieser Wahlfeldzug der Tränen, in dem es an Mystizismus nicht fehlte ("Im Traum habe ich noch immer. Verbindung mit meinem Mann"), brachte wenig Aufschluß über den künftigen Regierungskurs der Freiheitspartei. Allerdings war häufig von dem Plan einer Verstaatlichung der in britischem, kanadischem, indischem und ceylonesischem Besitz befindlichen Versicherungsgesellschaften sowie der zum größten Teil von Engländern kontrollierten Gummi- und Tee-Plantagen die Rede. Diese Ankündigungen schienen zunächst besonderes Gewicht durch die Tatsache zu erhalten, daß die Freiheitspartei ein Wahlbündnis mit der extremen Linken eingegangen war.

Allein, als die Stimmen ausgezählt wurden, ergab sich, daß die Partei im Parlament die absolute Mehrheit errungen hatte und also auf die linken Bundesgenossen nicht mehr angewiesen war. Dem neuen Kabinett gehört denn auch kein Minister an, der nicht der Freiheitspartei entstammt.