In Deutschland wird die Frage, ob der Staatsanwalt ein Organ der Regierung sei oder ob er ein selbständiges Rechtsamt habe, verschieden beantwortet, weil sich im Norden und Süden des Landes eine unterschiedliche Auffassung herausgebildet hat. Nach der französischen Tradition kann die Regierung dem Staatsanwalt Handlungen auftragen, aber sie kann ihn nicht im voraus an eine Überzeugung binden. Er ist also an den Auftrag gebunden, aber frei in seiner Entscheidung, darüber, wie der Auftrag ausgeführt wird. Das heißt, er darf in der Beurteilung der in der Untersuchung oder in der Verhandlung zutage geförderten Vorgänge und Argumente nicht mehr von der Regierung beeinflußt werden.

Über die Deutung der Aufgabe des Staatsanwalts in Deutschland schreibt Generalbundesanwalt Dr. Gilde: "Es ist unverkennbar, daß der Westen und Südwesten die Staatsanwaltschaft im Sinne der französischen liberalen Tradition zu deuten und zu verwirklichen gesucht hat, während im Schatten des preußischen Staates der Staatsanwalt stärker den Repräsentanten des Staates darstellt." In diesem, der französischen Tradition zuneigenden Teil Deutschlands ist es daher üblich, daß Richter Staatsanwälte und Staatsanwälte wieder Richter werden. In Preußen dagegen entfernte sich der Staatsanwalt weiter vom Richter und geriet in größere Nähe der Regierung. Güde schreibt: "Das Fehlen einer einheitlichen Tradition bewirkt, daß es in Deutschland keine einheitliche Konzeption des staatsanwaltschaftlichen Amtes und keinen einheitlichen Typus gibt."

Diese unterschiedliche Beurteilung der Aufgabe und Stellung des Staatsanwalts spielt jetzt bei den Auseinandersetzungen über den Regierungsentwurf des Richtergesetzes eine wichtige Rolle. Während die Bundesregierung den Staatsanwalt als ein Organ der Exekutive betrachtet und daher für ihn keine Regelung im Richtergesetz vorsieht, wünschen die Staatsanwälte und der Deutsche Richterbund die Einbeziehung der Staatsanwälte in das Richtergesetz.

Der Rechtsausschuß des Bundestages neigt zur Auffassung der Staatsanwälte und Richter. Sollte sich dieser Standpunkt auch im Parlament durchsetzen (das Gesetz dürfte im Spätherbst verabschiedet werden), dann würde die Weisungsbefugnis der Landesjustizminister gegenüber den Staatsanwälten eingeengt und dem Staatsanwalt würde – mit bestimmten Abgrenzungen – eine richterähnliche Stellung zugebilligt werden.

Ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts zielt in die gleiche Richtung. Es stellt den Staatsanwalt dem Richter an die Seite, "indem es (nach Güde) die Funktion der Rechtsprechung dem Zusammenwirken beider zuschreibt". Güde meint, dieses Urteil binde den Staatsanwalt "für wesentliche Teile seiner Entscheidungen an das Recht" und nehme ihn für diese Entscheidungen "aus der Gehorsamsunterworfenheit gegenüber der Regierung heraus".

Die Regierung könnte freilich in Fällen, in denen sie ein berechtigtes Interesse daran hat, über den Staatsanwalt in die Rechtssphäre hineinzuwirken, sich auch dann noch seiner bedienen; aber der Staatsanwalt hätte doch die Möglichkeit, unabhängig davon seine eigene Auffassung zu vertreten und sie seinen Anträgen zugrunde zu legen. Die Regierung könnte also nur auf die Einleitung, aber nicht auf die gesamte Durchführung eines Verfahrens, soweit sie vom Staatsanwalt abhängt, Einfluß nehmen. Sie könnte ihm vor allem auch nicht die Einleitung eines Verfahrens von vornherein untersagen. Diese Vertuschungsmöglichkeit ist zwar in einem demokratischen Staat – auch im Falle des Weisungsrechts – bei weitem nicht so groß wie in einer Diktatur, aber es gibt doch auch in einem freiheitlichen Staat Ansatzpunkte dazu. Auf jeden Fall ist es eine wirksame Barriere gegen Einbrüche in die Rechtsstaatlichkeit, wenn die Staatsanwälte nicht Organe der Exekutive sind. Diktatoren haben solche Einbrüche immer über weisungsgebundene Staatsanwälte versucht.

Die aufsehenerregenden, in die politische Sphäre hineinspielenden Bonner Prozesse der beiden letzten Jahre mögen viel dazu beigetragen haben, daß sich die Bundesregierung in ihrem Beharren auf dem Weisungsrecht und auf straff organisierten Staatsanwaltschaften bestärkt fühlt. Es scheint sich hinter den Kulissen allerlei abgespielt zu haben. So ist es vielleicht zu erklären, daß der sonst so couragierte Justizminister des Landes Nordrhein-Westfalen, Flehinghaus, seine frühere Auffassung von der richterähnlichen Stellung des Staatsanwalts geändert hat und nun auch für einen behördenähnlichen Charakter der Staatsanwaltschaft eintritt. Deshalb möchte er auch bei der bevorstehenden Organisationsverfügung an der Behördenbezeichnung "Der Oberstaatsanwalt" festhalten – eine Formulierung, in der noch die Vorstellungen vom Führerprinzip des Dritten Reiches nachklingen. In Bayern und Baden-Württemberg hat man die Bezeichnung "Die Staatsanwaltschaft" eingeführt.