Thomas Mann war kein Prophet

Von Peter Demetz

Lieber Herr Flinker – gegen eine Welt der Skepsis, ja, gegen die gesamte bisherige Kritik, bemühen Sie sich in Ihrem Buch

"Thomas Manns politische Betrachtungen im Lichte der heutigen Zeit"; Mouton, s’Gravenhage; 169 S., 9,– hfl

hartnäckig um den Nachweis, Thomas Mann sei einer der größten und klarsten politischen Denker, dessen politische Theorien auch heute noch von wegweisender Bedeutung seien. Diese Bemühung, die Würde des Dichters zu steigern, indem Sie ihn zum Propheten krönen, drängt Sie allerdings auf sonderbare Abwege. Strenges Prophetentum und spielende Artistik sind unverträgliche Nachbarn; deshalb bleibt Ihnen nichts, als die wechselvollen politischen Erwägungen Thomas Manns in die starre Kategorie der unwandelbaren Einheit zupressen.

Er hat, so sagen Sie, seine weltanschauliche Haltung nie geändert: als ob nicht auch Thomas Mann das schöne menschliche Recht besessen hätte, zu irren ... Ihn, der die deutsche Seele im Gegensatz zur leeren Phrase des westlichen Bourgeois bald hochgepriesen hat, bald die einst gering geachtete Stimmzettelwirtschaft gegen die deutsche Seele verteidigen mußte; ihn, der die Musik hier als Heilmittel gegen die französische Krankheit des Liberalismus, dort als dämonische Sucht des luetischen deutschen Tonsetzers erklärte; ihn, der nach der preußischen Obrigkeit gerufen, um dann die Rolle des demokratischen Rundfunkkommentators zu wählen: – diesen Meister der Wandlung und Häutung, diesen Magier der Nuancen und Stimmungen, diesen Zauberer der reizvoll schillernden, der grenzenlos ineinander verschwimmenden Kategorien wollen Sie, lieber Herr Flinker, als politischen Denker substanzhafter Unterscheidungskunst interpretieren? Ich fürchte, nichts wird eine allen geschlossenen Ideensystemen abholde Generation von der politischen Bedeutung des Dichters Thomas Mann weniger überzeugen als Ihr unentwegter Feldruf: Thomas Mann hat immer recht.

Offenbar ist vieles von eher historischem als aktuellem Interesse: so seine Unterscheidung zwischen deutschem Wesen und westlichem Rhetorbourgeois, die (ironisch genug) auf Madame de Staëls Buch über Deutschland (1813) zurückzugehen scheint; so die unverbindliche Forderung, Europa sei durch eine Synthese von Griechenland und Moskau zu beleben; so die Herabsetzung des mechanisch demokratischen Staates, der der deutschen Seele nicht entspricht. Ich wünschte eher, Sie hätten Thomas Manns Verhältnis zum modernen Kommunismus nicht nur drei Seiten lang untersucht. Sie polemisieren zwar auf das heftigste mit dem Schweizer Kritiker Brock, der vom "östlichen" Antifaschismus Thomas Manns sprach; aber jene Belege aus des Dichters Kundgebungen, die Sie paraphrasieren, sind kaum dazu angetan, Brocks Urteil wesentlich zu entkräften. Was soll man dazu sagen, wenn der politisierende Dichter auch noch 1955 meint, der Kommunismus sei, im Gegensatz zum Faschismus, zumindest vom Abglanz einer Idee belebt (also weniger pragmatisch als sein Gegner); der Kommunismus habe das analphabetische Volk intellektuell gehoben (als ob die Demokratie nicht gleiches vermöchte); schließlich dürfe man dem Kommunismus die Achtung deshalb nicht versagen, weil er gegen den Faschismus gefochten hätte.

Seltsame Argumente eines großen Geistes! Ich kann darin nichts Prophetisches finden – mir will eher scheinen, als ob Thomas Mann, der den Vormarsch der faschistischen Inhumanität mit seismographischer Sensibilität verzeichnete, den Offensiven der kommunistischen Inhumanität immer nur den blinden Fleck seiner reizempfindlichen Netzhaut zugekehrt hätte. In der Zeit der Münchner Verträge fand er ergreifende Worte für den Demokraten Masaryk; als aber sein Sohn (und mit ihm die Republik, die Thomas Mann einst das Bürgerrecht geschenkt, um ihn vor dem Schicksal des Staatenlosen zu bewahren) mit zerschmetterten Gliedern auf dem Pflaster lag, da war von ähnlich leidenschaftlichen Protesten wenig zu hören.

Thomas Mann war kein Prophet

Wo blieb, nachdem Thomas Mann gegen Franco und McCarthy zu Felde gezogen, die gleich offene und die gleich um den Menschen besorgte Kritik an Ulbricht und den Seinen? "Ich kenne keine Zone" – ist dieses wilhelminische Wort Thomas Manns (1949) wirklich einer zu empfehlenden politischen Weisheit letzter Schluß? Ich fürchte, lieber Herr Flinker, Sie laufen Gefahr, ästhetisch reizvollen Kategorien, die mit der politischen Wirklichkeit kaum noch etwas gemeinsam haben, ins Garn zu gehen.

Noch immer klagen Sie, in der Mannschen Sprache von 1918, darüber, das deutsche Volk der Dichter und Denker hätte sich erst jüngst in das Volk der allein auf den Nutzen bedachten Großkaufleute verwandelt: als ob der französische Philosoph Taine nicht schon 1870 vor dem deutschen Wirtschaftsmanager und "Gründer" gewarnt hätte, als ob das ganze Schlagwort von Dichtern und Denkern wirklich mehr sei als eine tröstliche Hilfskonstruktion deutscher Patrioten in der Epoche der napoleonischen Siege über die preußischen Armeen. Noch immer trennen Sie die Bürger Europas in harte, mitleidslose, geschäftstüchtige Bourgeois und die edlere, wenn auch halb mythologische "Linke" (Schillerkragen und Sozialdemokratie); ja, Sie scheuen sich nicht zu behaupten, Thomas Manns gesamte politische Lehre könnte in einem einzigen Leitmotiv zusammengefaßt werden: Der Bourgeois, Schädling der Welt, Schädling Europas, muß verschwinden. Hier sind Sie leider auf dem besten Weg, Thomas Mann zum "Parteischuhputzer" (Theodor Fontane) zu degradieren.

Zu guter Letzt decken Sie auch noch eine kapitalistische Verschwörung auf, die den Dichter Thomas Mann, der in der Frankfurter Paulskirche höchste Ehrungen empfing, seines verdienten Ruhmes beraube. Der westdeutsche harte Bürger, so behaupten Sie, beherrscht die Presse und das Radio, Literatur und Kunst und Theater sind ihm ergeben, die ganze... lähmende, betörende, ermüdende Maschinerie der Propaganda. Das andere, das junge Deutschland ... ist nicht stark genug, sich vernehmbar zu machen. Selbst Herr Andersch, den Sie sonst als Kronzeugen aufrufen, wird Ihnen eine solche Diagnose wohl nur zögernd bestätigen.

Kaum je waren die Stimmen der jüngeren Generation so zahlreich vernehmbar, so frei und so scharf artikuliert; ist Ihnen entgangen, mit welcher Vehemenz, mit welchem kritischen Griff die Herren Enzensberger, Kaiser, Blöcker, Hühnerfeld, Groll und Jens (überhaupt die meisten, die zur Gruppe 47 gehören) ihr Handwerk zum Vergnügen der harten Bürger und, auf das willigste gefördert von Industrie und Wirtschaft, in Redaktion und Senderaum üben?

Wenn es um den politischen Thomas Mann stiller geworden ist, lieber Herr Flinker, so ist nicht eine Verschwörung der deutschen Industriebürger im Spiele, sondern vielleicht ein ganz anderes, viel schwieriger zu definierendes Phänomen. Vielleicht ist es nicht zuletzt das schwer bestimmbare Lebensgefühl jener jüngeren Jahrgänge, auf deren Rücken sich die Weltkonflikte in schmerzlicher Unmittelbarkeit abspielten. Ich, lieber Herr Flinker, spreche für mich allein, wenn ich Ihnen offen gestehe, daß ich, als zwanzigjähriger Häftling in einem Gestapokeller hockend, Thomas Mann durchaus nicht als meinen Repräsentanten empfand.

Thomas Mann war mir ein großer Dichter, kühl, ferne, ein verspäteter Sohn jenes ideologiehungrigen 19. Jahrhunderts, das nicht mehr meine Sache sein sollte. Nennen Sie mich einen Barbaren, lieber Herr Flinker; Bekenntnis gegen Bekenntnis setzend, wollte ich nichts als von ferne andeuten, daß gelegentlich tiefere als politische Entfremdungen zwischen einem bedeutenden Geiste und manchen seiner Leser entstehen. Seien Sie unbesorgt: der Dichter Thomas Mann wird leben, auch in Westdeutschland, nicht als politischer Prophet, sondern weil er, das epische Imperfektum zauberhaft beschwörend, Romane schrieb, die seine politischen Wandlungen und Irrtümer, im Hegeischen Sinne, glänzend und für immer aufheben.

Ihr Peter Demetz