Wo blieb, nachdem Thomas Mann gegen Franco und McCarthy zu Felde gezogen, die gleich offene und die gleich um den Menschen besorgte Kritik an Ulbricht und den Seinen? "Ich kenne keine Zone" – ist dieses wilhelminische Wort Thomas Manns (1949) wirklich einer zu empfehlenden politischen Weisheit letzter Schluß? Ich fürchte, lieber Herr Flinker, Sie laufen Gefahr, ästhetisch reizvollen Kategorien, die mit der politischen Wirklichkeit kaum noch etwas gemeinsam haben, ins Garn zu gehen.

Noch immer klagen Sie, in der Mannschen Sprache von 1918, darüber, das deutsche Volk der Dichter und Denker hätte sich erst jüngst in das Volk der allein auf den Nutzen bedachten Großkaufleute verwandelt: als ob der französische Philosoph Taine nicht schon 1870 vor dem deutschen Wirtschaftsmanager und "Gründer" gewarnt hätte, als ob das ganze Schlagwort von Dichtern und Denkern wirklich mehr sei als eine tröstliche Hilfskonstruktion deutscher Patrioten in der Epoche der napoleonischen Siege über die preußischen Armeen. Noch immer trennen Sie die Bürger Europas in harte, mitleidslose, geschäftstüchtige Bourgeois und die edlere, wenn auch halb mythologische "Linke" (Schillerkragen und Sozialdemokratie); ja, Sie scheuen sich nicht zu behaupten, Thomas Manns gesamte politische Lehre könnte in einem einzigen Leitmotiv zusammengefaßt werden: Der Bourgeois, Schädling der Welt, Schädling Europas, muß verschwinden. Hier sind Sie leider auf dem besten Weg, Thomas Mann zum "Parteischuhputzer" (Theodor Fontane) zu degradieren.

Zu guter Letzt decken Sie auch noch eine kapitalistische Verschwörung auf, die den Dichter Thomas Mann, der in der Frankfurter Paulskirche höchste Ehrungen empfing, seines verdienten Ruhmes beraube. Der westdeutsche harte Bürger, so behaupten Sie, beherrscht die Presse und das Radio, Literatur und Kunst und Theater sind ihm ergeben, die ganze... lähmende, betörende, ermüdende Maschinerie der Propaganda. Das andere, das junge Deutschland ... ist nicht stark genug, sich vernehmbar zu machen. Selbst Herr Andersch, den Sie sonst als Kronzeugen aufrufen, wird Ihnen eine solche Diagnose wohl nur zögernd bestätigen.

Kaum je waren die Stimmen der jüngeren Generation so zahlreich vernehmbar, so frei und so scharf artikuliert; ist Ihnen entgangen, mit welcher Vehemenz, mit welchem kritischen Griff die Herren Enzensberger, Kaiser, Blöcker, Hühnerfeld, Groll und Jens (überhaupt die meisten, die zur Gruppe 47 gehören) ihr Handwerk zum Vergnügen der harten Bürger und, auf das willigste gefördert von Industrie und Wirtschaft, in Redaktion und Senderaum üben?

Wenn es um den politischen Thomas Mann stiller geworden ist, lieber Herr Flinker, so ist nicht eine Verschwörung der deutschen Industriebürger im Spiele, sondern vielleicht ein ganz anderes, viel schwieriger zu definierendes Phänomen. Vielleicht ist es nicht zuletzt das schwer bestimmbare Lebensgefühl jener jüngeren Jahrgänge, auf deren Rücken sich die Weltkonflikte in schmerzlicher Unmittelbarkeit abspielten. Ich, lieber Herr Flinker, spreche für mich allein, wenn ich Ihnen offen gestehe, daß ich, als zwanzigjähriger Häftling in einem Gestapokeller hockend, Thomas Mann durchaus nicht als meinen Repräsentanten empfand.

Thomas Mann war mir ein großer Dichter, kühl, ferne, ein verspäteter Sohn jenes ideologiehungrigen 19. Jahrhunderts, das nicht mehr meine Sache sein sollte. Nennen Sie mich einen Barbaren, lieber Herr Flinker; Bekenntnis gegen Bekenntnis setzend, wollte ich nichts als von ferne andeuten, daß gelegentlich tiefere als politische Entfremdungen zwischen einem bedeutenden Geiste und manchen seiner Leser entstehen. Seien Sie unbesorgt: der Dichter Thomas Mann wird leben, auch in Westdeutschland, nicht als politischer Prophet, sondern weil er, das epische Imperfektum zauberhaft beschwörend, Romane schrieb, die seine politischen Wandlungen und Irrtümer, im Hegeischen Sinne, glänzend und für immer aufheben.

Ihr Peter Demetz