Am 6. Juli begann die Meuterei der Force Publique im Kongo. Am 13. Juli tagte der Sicherheitsrat in New York. Am 15. Juli trafen die ersten UN-Truppen in Leopoldville ein. Wahrlich, die UN hat sich selbst übertroffen. Nicht auszudenken, was im Kongo passiert wäre, wenn man Belgier und Kongolesen sich selbst überlassen

Auch die Leute, die mit ihrem angeblich untrüglichen Realitätssinn die UN bisher als eine Art "Quasselbude" von oben herab zu betrachten pflegten, müssen zugeben, daß es allein dieser angeblich so beklagenswert "ohnmächtigen" Organisation zu danken ist, daß größeres Blutvergießen und äußerstes Chaos verhindert wurde.

Jene Kraftmeier einer längst vergangenen Epoche, die noch immer den Tagen der "Kanonenboote" nachtrauern ("Es wäre doch gelacht, wenn man mit den paar Schwarzen nicht fertig würde"), haben offenbar noch immer nicht begriffen, daß wir mitten in einem Wandel stehen. Sie waren es übrigens, die 1956 mit ihrer letzten Großaktion: dem Überfall auf Suez und Port Said zur Beseitigung Nassers, den Anlaß zum Aufbau der UN-Polizeikräfte gaben, die nun so rasch eingesetzt werden konnten.

Was ist das für ein Wandel? Parallel mit der innenpolitischen Demokratisierung der Staaten und dem Entstehen einer egalitären Gesellschaft, die eine einseitige Machtausübung von Teilinteressen – Gewerkschaften, Kapitalisten, Verwaltung – unmöglich oder jedenfalls schwierig macht, geht auch auf außenpolitischem Gebiet eine Art Demokratisierung vor sich. Eine Entmachtung der Mächtigen. Die Scheu, von dem Völkerparlament der Vereinten Nationen als Missetäter gebrandmarkt zu werden, hat schon manchen Übergriff verhindert. Und dies wird mindestens so lange so bleiben, wie es kleine oder neue Staaten gibt, die von den großen umworben werden. Man braucht also kein Romantiker oder Idealist zu sein, der von dem Vorrang von Moral vor (Macht träumt, um diesen Wandel wahrzunehmen, es genügt vollkommen, ein Realist zu sein und die Wirklichkeit der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts zu erkennen.

Die Situation im Kongo dürfte auf Jahre hinaus die Anwesenheit einer internationalen Polizeitruppe notwendig machen. Vielleicht also wird nun endlich das jahrelang vergeblich geforderte Machtinstrument der UN, eine ständige Streitkraft als feste Institution geschaffen werden. Dies wäre in der Tat ein großer Fortschritt.

Sehr viel problematischer ist die andere Anforderung, die auf die UN zukommt, nämlich den Kongo, dieses aller Experten und qualifizierten Verwaltungsbeamten beraubte Land, zu regieren. Denn das war ja niemals vorgesehen, daß die Weltorganisation in einem Lande selbst die Regierungsgewalt übernehmen könnte. Und wie soll sie eigentlich mit dem verfassungsrechtlichen Problem einer möglichen Absplitterung Katangas oder einer Umbildung der Föderation fertig werden?

Ehe jedoch die UN vor dieses Problem gestellt wird, hat sie es mit näherliegenden Schwierigkeiten und Widersprüchen zu tun. Da hat beispielsweise Lumumba auf einer Pressekonferenz in Leopoldville gesagt: "Wir sind sehr glücklich darüber, daß die hohe internationale Körperschaft unsere These gutgeheißen hat und die totale Evakuierung der belgischen Soldaten aus dem Kongo, inbegriffen die Stützpunkte von Kamina und Kitona, forderte. Die Kongokrise ist beendet."