K-a, Frankfurt

Ich fahre mit dem vollen Honorar nach Verne und hole das Bild selber hierher" hatte Frankfurts Kulturdezernent Stadtrat Dr. vom Rath, im Mai verkündet, als das Bild von Marc Chagall, das dieser im Frühjahr 1958 für das Foyer des Großen Hauses der Städtischen Bühnen zu malen begonnen hatte, immer noch nicht eingetroffen war. Immerhin war es seit Dezember vorigen Jahres fertig, und der große Meister am Mittelmeer hatte sich längst anderen Dingen zugewandt.

Der Stadtrat reiste nicht. Er ist zwar ein temperamentvoller und umsichtiger Mann, aber kein Bildertransporteur. Schwerlich hätte er das Viermal-zweieinhalb-Meter-Werk heil nach Hause gebracht.

So etwas kann nur ein Fachmann. In Nizza gibt es einen, den Monsieur Georges. Er soll dort unten konkurrenzlos sein. Jedenfalls will Madame Chagall, die das Geschäftliche zu überwachen hat, niemand anderen haben.

Aber es klappt eben leider nicht. Denn Monsieur Georges hat mit dem Ehepaar Chagall eine liebe Gewohnheit gemeinsam – er verreist für sein Leben gern. Als die Chagalls nach ihm riefen, war er gerade über die Berge gen Norden gefahren. Und als er schließlich Wochen später kam, das Bild zu holen, wachte das Hausmädchen als Torhüterin des meisterlichen Heimes ängstlich vor dem verhüllten Werk. Die Chagalls waren in Amerika, um einen Doktorhut zu holen.

Darauf gab nun auch Monsieur Georges sich offenbar sogleich wieder seiner Lieblingsbeschäftigung hin. Jedenfalls war er, als das Künstlerpaar kurz darauf heimkam, wieder irgendwo, wo man ihn nicht erreichen konnte. So kabelte Madame Chagall nach Frankfurt, sie könne wirklich noch nicht sagen, wann –

Ob sich der Maler und der Transporteur noch einmal an der blauen Küste treffen werden? Stadtrat vom Rath ist skeptisch. Man hört, dort unten sei jetzt so schlechtes Wetter. Ob nicht die Chagalls in freundlichere Zonen flüchten, bevor Monsieur Georges wieder nach Hause kommt?