Von Ludwig Marcuse

Unter den Literaturen gibt es eine sehr umfängliche und sehr attraktive: die Was-ist-der-Mensch-Literatur. Ehrwürdig durch ihr Alter, auch durch die Erlauchten, die gründlich geantwortet haben, ist sie in unseren Tagen etwas auf den Hund gekommen, infolge von zuviel Schauspielerei, mit der gefragt und geantwortet wurde.

So ist eine schlimme Situation entstanden: Die Frage kann nicht abgewiesen, die epigonalen Repetitionen, mit der sie täglich scheinbefriedigt wird, können nicht akzeptiert werden.

In dieser Lage wendet sich manch ernster Leser an jene verwandten Schriften, die unter dem Namen "Philosophische Anthropologie" bekannt sind; sie ist die weniger populäre, auch weniger scheinbefriedigende Stiefschwester der religiösphilosophischen Bestseller, die allerdings in Deutschland nicht so üppig wuchern wie in Amerika. Sie ist ernster und gibt den dringenden Bedürfnissen nach einer klipp und klaren Antwort nicht nach, weil es unreell wäre. Ihre bekanntesten Forscher in unserer Lebenszeit: Simmel und Scheler und Heidegger und Cassirer und Gehlen und Loewith und Plessner ...

Ihre Arbeiten unterscheiden sich auch vor allem darin voneinander: ob oder ob nicht sie auch noch mehr aussagen als sie wissen... und sich so bedenklich (wenn auch im Niveau sehr unterschieden) jener obskuren Literatur nähern, welche die Frage "Was ist der Mensch?" recht leicht nimmt.

Sowohl Schelers vages Christentum als auch Heideggers noch vagere Ontologie sind dieser Gefahr nicht entgangen; obwohl beide auch sehr viel beigetragen haben zur Erhellung des Rätsels in seiner vollen Rätselhaftigkeit. Wichtige Einsichten sind hier getrübt durch verdunkelnde Absichten: Scheler, einer der schärfsten Denker des Jahrhunderts, wand dem Ersten Weltkrieg philosophische Girlanden – und Heideggers Sünde ist (leider erfolglos) weltbekannt. Der alte Humanismus, gegen den beide philosophierten, überlebte ihre Attacke.

Ernst Cassirer, gestorben als deutscher Emigrant und gefeierter amerikanischer Philosophie-Professor in Princeton, 1945, ist auch während des dreißigjährigen Kriegs, den er erlebte, in der Tradition des philosophischen deutschen Idealismus geblieben. Sein letztes (soeben deutsch erschienenes) Buch