Von Otto F. Beer

In früheren Jahren war Wien im Sommer eine ausgestorbene Stadt. Die touristische Völkerwanderung unseres Jahrhunderts hat auch mit dieser Überlieferung aufgeräumt. Seit es ein Naturgesetz will, daß alle Menschen sich gerade dort aufzuhalten haben, wohin sie nicht gehören, ist es auch mit den verschlafenen Wiener Sommern vorbei. Doch ist es hierzulande nicht etwa so wie in Paris, wo alle Stadtbewohner pünktlich am Schulschlußtag flüchten und die Metropole den Sommer über kamerabewaffneten Touristen überlassen. Wien weist im Sommer immerhin Rudimente von Bevölkerung auf, zumal viele Wiener Südlandfahrer geworden sind und für den Mittelmeerurlaub lieber den Frühling oder den Herbst wählen. Mit den die Museen bevölkernden Deutschen, den in den Donau-Auen angesiedelten Italienern oder den in Grinzing unter die Räder gekommenen Amerika-, nern bilden sie bald eine Mischbevölkerung, für die man neuerdings sogar eine Art Kulturleben veranstaltet.

Wie überall in der Welt schließen nämlich auch in Wien den Sommer über die Theater – oder möchten zumindest schließen. Da andererseits die städtische Fremdenwerbung unter der Devise läuft "Wien hat immer Saison" und die Presse Jahre hindurch den kulturellen Sommerschlaf übel vermerkte, gibt es nun eine bescheidene Sommersai-Daß man eine Stadt nur dann richtig kennenlernen könne, wenn man von oben besieht, was man unten nicht entwirren konnte, hat kein anderer als der Tourist Goethe festgestellt. Dem Wien-Liebhaber, der diesem Rezept folgen will und sich keinen Hubschrauber leisten kann, bietet der Bildband "Wien von oben" (Forum Verlag, Wien-Hannover-Basel; 80 S., 16,80 DM) neben dem hier gezeigten Blick auf die Votivkirche noch eine Reihe von anderen entwirrenden Ansichten aus derPerspektivedes Vogels. son, bei der allerdings stets zu befürchten ist, es könnte sich ein Fremdling auf Grund dieser Darbietungen sein Bild von Wiens Kulturleben machen. So spielt in diesem Jahr die Josefstadt sehr amüsant den Juli hindurch Gehris "Im sechsten Stock" und setzt dann im August in ihrer Filialbühne – den Kammerspielen – die Serie von Ödön von Horvaths "Hin und Her" fort; überdies bietet das Raimundtheater eine Sommerserie von "Frischer Wind aus Kanada". Im Arkadenhof des Rathauses veranstaltet man Symphoniekonzerte. Zudem werden allsommerlich Wiens ansonsten verschlossene Barockpalais wach und laden zu Kammermusik und Liederabenden.

Das andere große Fest ist vor einem Monat mit aller Vehemenz zu Ende gegangen: die Wiener Juni-Festwochen. Da sie die zehnten ihrer Reihe waren, beging man sie mit einigem Pomp. Dazu wäre man aber, auch wenn sich nicht die runde Jahreszahl angeboten hätte, ohnedies aufgelegt gewesen, denn es waren die ersten Wiener Festwochen unter dem neuen Intendanten Egon Hilbert. Und Hilbert ist keineswegs der Mann, sein Come-back in friedlicher Routine untergehen zu lassen.

In den desolaten Jahren nach 1945 hat er aus den Trümmern der Wiener Staatsoper jenes sagenhafte Ensemble aus dem Boden gestampft, das noch heute den Humus für den indessen in die Regionen internationalen Virtuosentums aufgestiegenen Glanz des Hauses liefert. Es gab dann einmal einen geräuschvollen Konflikt mit dem aus Vorarlberg stammenden Unterrichtsminister Kolb, in dessen Verlauf Hilbert von seinem Posten als Leiter der Bundestheaterverwaltung abgelöst wurde. Man machte ihn zum Präsidenten des österreichischen Kulturinstituts in Rom. Das bis dahin (und auch seither wieder) friedlich schlummernde Institut stöhnte einige Jahre lang unter seiner Betriebsamkeit, entfaltete aber eine Aktivität, die auch in Wien von sich reden machte.

Als nun wieder einmal in der Presse die allzu ruhige Gangart der Wiener Festwochen gerügt wurde, schlug die Tageszeitung Neues Österreich eine Berufung Hilberts vor. Da zwischen dem sozialistisch geleiteten Kulturamt der Stadt Wien und dem in ÖVP-Händen befindlichen Unterrichtsministerium ohnehin eine ständige Rivalität besteht, entschloß sich Wiens Kulturstadtrat Mandl eher zu einer Berufung Hilberts. Die Jubiläumsfestwochen 1960 brachten seine Inthronisation.

Zwar stieß er in eine bereits halbfertige Planung, konnte also höchstens einige Glanzlichter aufsetzen. So wurde nicht nur in Wiens Konzertsälen ein glanzvolles Mahlerfest abgehalten, sondern auch durch eine zentrale Ausstellung "Mahler und seine Zeit" auf die Fäden hingewiesen, die von dort zu Schönberg und zur Wiener Schule der musikalischen Moderne führen; eine kleine Konzertreihe beleuchtete diese Verbindungen. Man spielte auf alten Wiener Plätzen Freilichttheater und hielt erstmals im Stephansdom ein Festkonzert ab. Das reizvolle Theater an der Wien, die Geburtsstätte des "Fidelio", das von der Spitzhacke bedroht war und einmal in eine Großgarage, ein anderes Mal in eine Schraubenfabrik verwandelt werden sollte, wurde von der Stadt angekauft und soll in eine Heimstatt künftiger Festwochenveranstaltungen verwandelt werden.