Aus der unübersehbaren Masse alljährlicher Festivals, deren Veranstaltung heute nachgerade jedes bessere Dorf für seine Pflicht und für – sein Recht hält, ragen nächst den Bayreuther Festspielen die Salzburger hervor wie eine Erscheinung von legitimem, altem Adel aus einer dichten Menge unternehmungslustiger Ehrgeiziger oder schlecht getarnter Geschäftemacher. Eines der sicheren Kennzeichen dieser Legitimität ist: innere Krisenfestigkeit. Festigkeit der vom Ursprung her durch alle Entwicklungswandlungen hindurch sich selbst treu gebliebenen "Idee" vor allem gegenüber der Gefährdung durch den Sensationsbedarf, diesen Bazillus, den heute das Publikum jeder auf Publizität angewiesenen Sache einimpft. Ob beispielsweise in Salzburg das zweifellos zunächst fragwürdig wirkende überdimensionale neue Festspielhaus schon an sich ein Krisensymptom sein muß oder ob es sich sehr wohl mit der bewußten "Idee" wird vertragen können– darüber werden wir in unserem rückblickenden Bericht am Ende der Festspielzeit vielleicht Zuverlässigeres sagen können.

Ein unbestreitbares Positivum kann schon jetzt festgestellt werden: hervorragende Akustik. Daß aber jenseits aller Sensation Salzburgs künstlerische Noblesse immer noch den Ausschlag gibt, mit und ohne den gesellschaftlichen und welttouristischen Wirbel, das bewies, fast noch mehr als die festliche "Rosenkavalier"-Vorstellung im neuen Haus, der erste Schauspielabend im absolut unsensationellen kleinen alten Landestheater.

Die erste Hälfte dieses Abends war einer deutschen Erstaufführung gewidmet: dem Einakter "Hughie" von O’Neill. Auch "Fast ein Poet", inzwischen ein Erfolgsstück auf deutschen Bühnen geworden, hatte (1957) hier seinen deutschsprachigen Start. Vermutlich wird "Hughie" nicht weniger Anklang finden. Es ist einer jener für den Dichter typischen, scheinbar gänzlich undramatischen Dialoge, hinter deren Worten sich Abgründe auf tun, aus denen alle menschliche Verwirrung, alle zerstörerische Banalität, aller Stoff und Anstoß zur menschlichen Tragödie aufsteigt.

Nur ein Skizzenblatt. Aber aus den andeutenden Strichen formt die Phantasie des Betrachters ein Gemälde düsterer Wirklichkeit.

Ein Maulheld und ein Nachtportier sind die beiden Partner. Aber der Maulheld ist (nicht nur hier) kein bloß harmloser Schwätzer, der einen Zuhörer braucht, um bei nächtlicher Hotelheimkehr von zielloser Sauftour sein Selbstgefühl aufzumöbeln. Und der Portier ist kein bloßer leerer Auffangkübel für solches Geschwätz. Der Maulheld will immer auch betrügen und sucht sein Opfer. Ein Nachtportier muß manche Eigenschaft haben, die ihn zum Opfer eines Betrügers geeignet macht. Der Portier "Hughie" wird nicht der erste sein, der dem Falschspieler auf den Leim geht und daran hängenbleibt.

Unter Oscar Fritz Schuhs Regie, in knapp-realistischem Bildrahmen von Caspar Neher, gaben Werner Hinz und Hans Putz das nie entspannte Zweipersonenstück mit konzentrierter Charakteristik und treffender Milieu-Echtheit. Es hinterließ starke Eindrücke.

Zweite Hälfte des Abends: unter eigener Regie spielte Ernst Ginsberg "seinen" unerreichten "Tartuffe", als Darsteller, der in die letzten Tiefen eines nur scheinbar leicht durchschaubaren Charakters lotet, ebenso schlechthin genial wie als Spielleiter, der Mitspieler wie Anne Kersten, Hans Dieter Zeidler, Elfriede Kuzmany, Klaus Knuth, Evelyn Balser zugleich nach seinem Willen und nach ihren Temperamenten zu bewegen weiß. Ein unvergeßliches Theatererlebnis. W. Abendroth