In England herrscht größte Erregung über die Ernennung Lord Homes zum Außenminister. Die einen finden den "Lord" anstößig, weil er als Mitglied des Oberhauses seine Politik nicht vor dem Unterhaus vertreten kann – was einer Nichtachtung des Parlaments gleichkomme, die anderen meinen, der Mensch Lord Home sei eine zu schwache Persönlichkeit. Im Grunde läuft die Kritik beider Gruppen auf dasselbe hinaus. Beide sind nämlich darüber empört, daß Macmillan jetzt sein eigener Außenminister sein wird. Niemand scheint Trost darin zu finden, daß es in Paris und Bonn auch nicht anders ist. Offenbar also ist das heute so.

Freilich gibt es da auch jenes so ganz anders geartete und – wie manche finden – neiderregende Beispiel: Die Rolle des verstorbenen US-Außenministers Foster Dulles. Aber wenn man es recht bedenkt, so war auch das ein one-man-government, eine Ein-Mann-Regierung, wie eine englische Zeitung ganz erbittert das neue Kabinett Macmillans nannte. Nur daß es dort der Außenminister war, der seinen Präsidenten beherrschte und nicht der Primeminister der das Foreign-Office übernahm. Sollte also in dieser Vereinheitlichungstendenz so etwas wie eine neue "Gesetzmäßigkeit" zum Ausdruck kommen? Oder hat sich, ohne daß wir es recht bemerkt haben, das Wesen der Außenpolitik gewandelt?

Im Leitartikel des Observer stand am letzten Sonntag folgende nahezu belustigende Bemerkung zu lesen:

"Einem merkwürdigen Paradox zufolge scheint die Außenpolitik eines Landes in dem Maße an Wichtigkeit zuzunehmen, in dem seine Macht abnimmt. Während des 19. Jahrhunderts hat unsere Außenpolitik vorwiegend andere Völker betroffen. Sie waren es, die mit leidenschaftlichem Interesse unsere Parlamentsdebatten verfolgten. Heute ist es umgekehrt. Heute hängt unser Wohlergehen und unser Leben von den Debatten in Washington, Moskau und Peking ab."

Im ersten Moment denkt man: Das ist doch nicht paradox, sondern ganz selbstverständlich, denn damals war England eine Großmacht, die anderen das Gesetz des Handelns aufzwang, nicht nur Indien und den heute selbständigen Mitgliedern des Commonwealth, sondern zeitweise auch den kontinentalen Staaten Europas. Heute aber, da USA und UdSSR die einzigen Großmächte sind, sehen sich die Engländer in der Rolle der Abhängigen von damals.

Bei näherem Nachdenken freilich entdeckt man dann noch einen anderen Unterschied zwischen Englands Außenpolitik von gestern und heute. Und er liefert vielleicht sogar den Schlüssel zu dem Verständnis für die Tatsache, daß heutzutage Regierungschef und Außenminister dazu tendieren, wenn schon nicht physisch, so doch politisch ein und dieselbe Persönlichkeit zu sein.

Blättern wir einmal zurück in die Zeit, da die englische Außenpolitik das Fundament legte für das größte Jahrhundert der britischen Weltmacht, das neunzehnte! Damals, als nach dem Ende der napoleonischen Kriege der Kongreß in Wien einen fast hundertjährigen Frieden vorbereitete, fuhr der englische Außenminister Lord Castlereagh mit einer Kabinettsinstruktion nach Wien, die er selbst entworfen hatte. Sie sah vor, 1) ein europäisches Gleichgewicht zu schaffen, innerhalb dessen weder eine Westmacht (Frankreich) noch eine Ostmacht (Rußland) die Vormacht gewinnen konnte. 2) die englische Machtstellung zur See nach der napoleonischen Bedrohung zu verstärken.