H. W., Eckernförde

Zu ihrem seltsamsten Lokaltermin reisten vor einigen Tagen die Richter des schleswig-holsteinischen Landesverwaltungsgerichts in Schleswig. Sie sollten darüber entscheiden, ob der Gastwirt Willy Kornappel aus Norby im Kreise Eckernförde wider die Gesetze verstoßen hatte. Der Gastwirt hatte nämlich unmittelbar neben seinem Lokal mitten auf der Straße ein 200 Quadratmeter großes Tanzzelt aufgeschlagen. Den Straßenverkehr leitete er kurzerhand mit selbstgemalten Hinweisschildern durch die Durchfahrt seiner Gaststätte.

Die Schleswiger Richter, mancherlei Kummer gewohnt, standen kopfschüttelnd vor dem großen Zelt, das die Durchfahrt auf der einzigen Ortsstraße sperrte, und ließen sich vom Wirt, vom Amtmann und schließlich von einem Vertreter des Eckernförder Ordnungsamtes berichten, wie es zu diesem Geniestreich gekommen war.

Es hatte damit begonnen, daß die Ortsfeuerwehr von Norby beschloß, am 31. Juli ihr 30jähriges Stiftungsfest zu feiern. Festlokal sollte die Gastwirtschaft "Zur Erholung" sein, in der Willy Kornappel residierte, ein um Umsatz und um Wohlergehen seiner Gäste besorgter Mann. Willy Kornappel erwartete viele Gäste. So kam er auf die Idee, neben seiner Gaststätte auf der Straße ein Zelt aufzubauen. Der Bequemlichkeit seiner Gäste wäre mit dieser Einrichtung am besten gedient, dachte er sich. Damit die Verkehrsteilnehmer nicht gezwungen würden, das Zelt zu passieren – was auch nach seiner Meinung nicht möglich war – oder gar wieder umzukehren – was er ihnen nicht zumuten wollte –, malte er mit eigener Hand große Umleitungsschilder und leitete den Verkehr durch die Durchfahrt seiner Gastwirtschaft. "Lichte Höhe 2,90 m" stand auf den Schildern, und damit glaubte er, seine Schuldigkeit getan zu haben.

Der Wirt hatte jedoch seine Rechnung ohne die Behörden gemacht. Denn gegen seine private Verkehrsregelung stand nun die Macht des Staates auf. Zunächst in Gestalt des örtlichen Polizeimeisters (Der Wirt: "Er schrie, daß man glauben müßte, das Zelt falle zusammen.") Dann kam der Amtmann. Schließlich erschienen Beamte der Polizeiabteilung Eckernförde. Sie benachrichtigten das Ordnungsamt des Kreises. Der Leiter des Ordnungsamtes sah sich den Fall an und protestierte. Der Wirt aber blieb hartnäckig. Da erklärte ihm der Hausjurist des Kreises: "Das Zelt muß weg. Und wenn Sie es nicht tun, lassen wir es durch das Technische Hilfswerk wegräumen." Ihn konnte auch der Hinweis des Wirtes, daß der Fußboden schon gelegt sei, nicht erweichen.

Da erinnerte sich der Wirt an das Landesverwaltungsgericht, der Zufluchtsstätte aller Unterdrückten und Gemaßregelten. Er legte in Schleswig Einspruch ein. Und so erschienen die Richter zum Lokaltermin. Aber während sie noch berieten, kam der Wirt zu ihnen und erklärte, er nehme jetzt seinen Einspruch gegen die Verfügung des Ordnungsamtes zurück. Wohlmeinende Freunde hatten ihm geraten, seinen Festeifer nicht auf die Spitze zu treiben. Er werde jetzt das Zelt auf einer Koppel in der Nähe der Gastwirtschaft neu aufstellen.