Paris, Anfang August

Diesmal weht der europäische Wind also aus Paris. Und der große General selbst steht am Windrad. Eigenartig, wie sich die Zeiten – und der Wind drehen.

So wenig Konkretes man heute über die "entscheidenden neuen Impulse" weiß, so ungenau und vage die Kombinationen über de Gaulles Europapläne sind – von diesem Gespräch in Rambouillet, dem fünften Treffen zwischen dem General und dem Kanzler, werden wir noch lange reden. Allzu gewichtig sind die Andeutungen, die die beiden offiziellen Sprecher am Ende der Begegnung im Auftrag ihrer Chefs machten. Sie kündigten "Pläne und Entwürfe" an, sie sprachen von einer "neuen Konstruktion" Europas, wobei es sich absolut nicht um "Theorien und deklamatorische Äußerungen handle. Und es hieß, die beiden Staatsmänner seien davon überzeugt, daß die behandelten Projekte für ihre Partner "praktikabel" seien. Wenn man im jetzigen Stadium keine Einzelheiten bekanntgeben wolle, so nur, um andere Regierungen nicht vor den Kopf zu stoßen.

Eine wahrlich spannende Geschichte, die General de Gaulle da einfädelte, angefangen vom Eintreffen des Einladungsbriefes bei Adenauer. Adenauer sei, heißt es, so überrascht gewesen, daß er das Schreiben erst einmal acht Tage habe liegen lassen, bis er sich entschloß, seinen Außenminister zu verständigen, in Paris zuzusagen und – Macmillan nach Bonn einzuladen. Und die Terminfestsetzung: Während de Gaulle ursprünglich auf Zeit drängte, habe der Kanzler keine Eile gehabt. Als man sich endlich auf vergangenes Wochenende geeinigt hatte, stellte sich heraus, daß Debré da nicht in Paris sei, sondern in Madagaskar. De (Jaulle habe das ganz einfach vergessen. Wenn er auch viel lieber mit Adenauer allein gewesen wäre, wollte er doch auf seinen Premier Rücksicht nehmen. Er bat in Bonn um acht Tage Aufschub.

Jetzt aber drängte Adenauer. Er bestand auf dem frühen Termin. Angeblich kann er den "jungen Mann" Debré nicht mehr leiden, seit jener alle Staaten, die keine eigenen Atomwaffen haben, kurz und bündig zu Satelliten degradierte. So mußte de Gaulle sich dem Wunsch fügen und den verabredeten Termin einhalten.

Worum ging es bei dieser Unterredung? Wie sehen die einstweilen nur Adenauer und offensichtlich noch nicht einmal de Gaulles eigenen Ministern bekannten geheimen Europapläne des französischen Staatschefs aus?

1) Auf bilateraler französisch-deutscher Ebene: Der General ist davon überzeugt, daß Frankreich, allein auf sich gestellt, angesichts der Kräfteverteilung in der Welt auch bei größter Anstrengung niemals die Rolle spielen kann, die er sich für sein Land wünscht. Die Bundesrepublik – immer noch unter der moralischen Belastung des Zweiten Weltkrieges – stellt aus geographischen, wirtschaftlichen und sozusagen "natürlichen" Gründen den geeignetsten Helfer auf dem Wege zum "französischen Europa" dar. De Gaulle glaubt, daß er durch seine Freundschaft mit Adenauer die Hindernisse in Gestalt der allzu engen deutschamerikanischen Verbundenheit und der allzu großen Vorliebe mancher bundesrepublikanischer Kreise für England beseitigen kann.