Von Gottfried Sello

Immer lohnt es sich, nach Brügge zu fahren, der Hauptstadt einer der wunderbarsten Kunstprovinzen. Man kommt am Abend an, und die Autos stauen sich vor der hochgeklappten Zugbrücke: "Ein schwerer Kahn ist im Begriffe, auf dem Kanale hier zu sein". Sehr langsam, sehr gemächlich, wie der Goethe-Vers, nähert er sich.

Brügge hat sich nicht nur die historischen Bauten bewahrt, nicht nur die Stille über den Kanälen und Grachten, die dämmrigen Beginenhöfe, die Spitzenklöpplerinnen und das Minnewater, nicht nur die schönen Einzelheiten also, sondern das ganze goldene Kolorit seiner großen Vergangenheit.

Alle zwei oder drei Jahre veranstaltet Brügge eine Kunstausstellung, obgleich es das bei seinem natürlichen Reichtum an Werken flämischer Kunst eigentlich nicht nötig hätte.

In diesem Sommer sieht man im Museum Groeninge "Das Jahrhundert der Flämischen Primitiven": das Goldene Jahrhundert also, das fünfzehnte, von van Eyck bis Bosch.

Der Ausdruck "primitiv" hat sich für diese Künstler eingebürgert, obgleich es – bei aller heutigen Hochschätzung für "Das Primitive in der Kunst" – einfach unsinnig erscheint, Jan van Eyck, Rogier van der Weyden oder Bosch als "Primitive" zu bezeichnen.

Im Prospekt wird die Ausstellung "das Kunstereignis der Sommersaison 1960 in Europa" genannt, und das ist keine Übertreibung. Das Ungewöhnliche, ja Sensationelle liegt vor allem in der Herkunft der Werke. Von den 70 ausgestellten Bildern, die durch 100 Skulpturen, Zeichnungen, Miniaturen, Wandteppiche und Goldschmiedearbeiten ergänzt werden, ist gut die Hälfte aus den Vereinigten Staaten herübergekommen. Viele waren überhaupt noch nie in Europa ausgestellt!