Warum Professor Illies in Geesthacht ausschied – Forschungsarbeit gelähmt?

H. M., Geesthacht

Im britischen Unterhaus fragten vor wenigen Wochen einige Abgeordnete die Regierung, Was sie zu tun gedenke, damit der deutsche Vorsprung in der Entwicklung von atomaren Schiffsantrieben eingeholt werde. Die Abgeordneten konnten nicht wissen, daß in dem Mann, dem jener Vorsprung in erster Linie zu verdanken ist, zu dieser Zeit schon der Entschluß reifte, seinen Posten zur Verfügung zu stellen. Am 15. Juli war es soweit: Professor Dr.-Ing. Kurt Illies trat als wissenschaftlicher Geschäftsführer der "Gesellschaft für Kernenergieverwertung in Schiffbau und Schiffahrt m. b. H." zurück. Eine Woche später teilte er dies der Öffentlichkeit mit. Äußerer Anlaß für seinen Entschluß war eine vom Aufsichtsrat beschlossene neue Geschäftsordnung, von der Illies glaubte, sie sei keine Grundlage für seine weitere wissenschaftliche Arbeit bei der Gesellschaft.

"Professor Illies ist sehr sensibel erklärt Dr. Manfred von zur Mühlen, kaufmännischer Geschäftsführer der Gesellschaft für Kernenergieverwertung und lehnt sich dabei in seinen Sessel zurück. Im Gespräch zeigt er sich verbindlich, gewandt und sehr selbstsicher. "Professor Illies", fährt von zur Mühlen fort, "fühlte sich in seinem Arbeitsbereich eingeengt. Nun, wer fühlt das nicht? Sie etwa?" Für ihn stellt sich die Sache einfach dar: Illies hätte zwar einigen Ärger mit in Kauf nehmen müssen – "Wer muß das nicht?" – seine wissenschaftliche Arbeit aber selbstverantwortlich weiterführen können.

Für Professor Illies geht es jedoch nicht nur um den Ärger, sondern um die Frage, ob die Gesellschaft ihre Arbeit in der geplanten Form und in dem vorgesehenen Tempo fortsetzen kann. In seinem ländlich eingerichteten Einfamilienhaus, das er sich während des Krieges als Ausgebombter mit eigenen Händen an einen kiefernbestandenen Hang in Blankenese gebaut hat, erzählt der jugendlichschlanke, so gar nicht professoral wirkende Forscher von der Entwicklung der Gesellschaft, die er 1956 zusammen mit dem Physiker Professor Bagge als gemeinnütziges Unternehmen gegründet hat. Ihr Ziel war die Entwicklung von Kernenergie-Schiffsantrieben. 33 Industriefirmen fanden sich im Laufe der Zeit als Gesellschafter; der Bund und die vier Küstenländer Schleswig-Holstein, Hamburg, Niedersachsen und Bremen leisteten finanzielle’ Unterstützung.

Vorliebe für neuartige Schiffsantriebe

Der erste Schritt war der Bau eines Forschungsreaktors in Geesthacht, der gerade dieser Tage zum erstenmal mit seiner Höchstleistung von fünf Megawatt "fuhr" – eine in Deutschland bisher noch nicht erreichte Leistung. Der zweite Schritt soll die Entwicklung eines Kraftreaktors für ein Schiff sein, um die notwendigen technischen Erfahrungen zu sammeln. Zu diesem Zweck regte Illies einen Vertrag mit der "Interatom" an, einer Gemeinschaftsgründung der Demag und der amerikanischen Firma "Atomics International", die über die Rechte an einem von Amerikanern konstruierten Druckflüssigkeitsreaktor verfügt.