Der Vamp, der die Freiheit wählte

Große Mengen Schwarz waren diesmal unter den gedämpften Farben der Pariser Herbst- und Winterkollektionen 1960/61. Es schien den Betrachtern der vielen neuen Modelle so, als ob die Couturiers unbewußt noch um Dior trauerten. Denn immer noch fehlt ihnen der tonangebende große Mann. Besonders viel Schwarz gab es im Hause Dior selbst. Man sah viele Richtungen, doch gibt es keinen einheitlichen Stil. Deutlich ist diesmal nach manchen früheren Versuchen der Rückgriff auf die zwanziger Jahre. Wer will, kann sich wieder als Vamp verkleiden, aber nicht dämonisch, sondern salopp. Nicht nur die kniefreien Röcke sind noch da (nur bei Dior sind sie etwas länger geworden), sondern diesmal tritt das Röhren kleid in vielen Variationen auf, das oft die Taille bis tief unter die Hüften herabzieht, wo dann mit großer Stoff weite die Röcke aufspringen. Den Männern wird’s gefallen. Irgend etwas ist immer am Kleidersaum los: Entweder enden die Röcke unten als Ballon gebauscht oder mit einer Rüsche, oder sie sind unten mit Bändern oder Pelz besetzt. Pelzjäckchen für Nachmittag und Abend fielen auf, die vielleicht, wenn es glückt, die melancholische Pelzstola ersetzen werden, mit der, wie eine englische Beobachterin sagte, "noch keine Frau, wie nahe sie auch dem Thron stehen mochte, auf die Dauer gut ausgesehen hat". Asymmetrie kennzeichnet die neue Linie: Kleider sind seitlich geknöpft, Kappen kippen über ein Ohr. Ein prächtiges Schaustück im Hause Dior war eine schwarze gebauschte Krokodiljacke, die sicher, ohne daß der Dior-Nachfolger es verhindern kann, alsbald in preiswertem Kunststoff nachempfunden wird.

Paris, im August

Trotz aller verblümten und unverblümten Kritik lassen die Pariser Kollektionen keinen Zweifel darüber, daß Paris nach wie vor das Zentrum schöpferischer Modearbeit ist. Obwohl die Haute Couture in den letzten Jahren eine kleine – vielfach erwünschte – Atempause in der Umformung und Entwicklung der weiblichen Silhouette eingelegt hat, ist die Zahl derer, die sich von ihr inspirieren lassen, nicht geringer geworden: man kann aber auch nicht sagen, daß sie gestiegen ist ...

Die Frage drängt sich auf: Ist die Pariser Schneiderkunst noch immer lebensstark und im Besitz ihres überragenden Talents – oder ist sie dabei, nolens volens vor der Sturmflut der Fertigware zu kapitulieren? Dieses Thema gewinnt von Jahr zu Jahr an Aktualität. Daß die Konfektion immer mehr Frauen "anzieht", darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Industrie aller modenachschaffenden Länder weiter von der kleinen Gruppe der Pariser Modeschöpfer die richtunggebenden Anregungen erwartet.

Man schätzt die saisonmäßigen Verkaufszahlen der Pariser Haute Couture auf ungefähr 50 Millionen D-Mark, eine recht bescheidene Summe, gemessen an den Milliarden-Umsätzen der Modeindustrien der östlichen und westlichen Hemisphäre. Und ebenso erstaunlich ist es, daß der Enthusiasmus der Pariser Couturiers nicht abgenommen hat, obwohl es die Spatzen von den Dächern pfeifen, daß die "großen Kollektionen allein nicht imstande sind, ihre Schöpfer zu "ernähren": die Gelder, die sie subventionieren, stammen zum größten Teil aus dem modischen Grenzland: Parfüms, Strümpfe, Acessoires, Boutiques ...

Der steigende Absatz von Parfüms hilft entscheidend. Die Häuser Lanvin Castillo und Christian Dior haben Verkaufserfolge im Reich der Wohlgerüche in der Höhe von mindestens 100 Millionen D-Mark pro Jahr. Selbst Balenciaga, der heimliche Führer der Pariser Haute Couture, der sich konsequent im Hintergrund hält, verkauft alljährlich für einige Millionen D-Mark Parfüms, obwohl er bei seiner exklusiven Kundschaft zu den wenigen Ausnahmen gehört, die auch ohne duftendes Beiwerk existieren könnten. Sein Mode-Umsatz, der etwa sechs Millionen D-Mark ausmacht, reicht hin, um sein Haus in der Avenue George V. und ihn selbst in großem Stil zu erhalten. Neben seiner alten, spartanisch-luxuriös eingerichteten Pariser Wohnung stehen ihm ein Appartement in Madrid, ein Landhaus in San Sebastian und ein Schloß in der Nähe von Orleans zur Verfügung.

Pierre Balmain hat sich vor nicht langer Zeit ein modernes Heim auf der Insel Elba eingerichtet, zu dem ein Pagodenhäuschen gehört, das er Stück für Stück aus Thailand importierte. Dort lebt und arbeitet er, wenn die Kollektionen nicht seine Anwesenheit in seinem kleinen Pariser Appartement erforderlich machten. Castillo vom Hause Lanvin besitzt Farmländereien in Spanien, wo er zwischen Vorbereitungen der Kollektionen die nötige Ruhe zu produktiver Arbeit findet.

Der Vamp, der die Freiheit wählte

Der Vorstoß in neue Gebiete, die mit der Schneiderei wenig zu tun haben, ist vielleicht die größte Akzentverschiebung, die das Haute-Couture-Geschäft in den letzten Jahrzehnten durchgemacht hat. Sie zeigt, daß der einzelne nicht mehr von seinen modischen Einfällen, von seinen Ideen leben kann, es sei denn, daß sie sich zur Standardisierung und Massenproduktion eignen. Dies mag auch die Weitherzigkeit und Richtungslosigkeit der heutigen Mode, die unentschlossene Vielfalt der Vorschläge erklären: Je weniger scharf umrissen die neue Silhouette ist, je mehr Aus- und Umwege sich dem Konfektionär bieten, desto sicherer kann er damit rechnen, sein Geschäft zu machen nach der Devise: für jeden etwas. Daß man gleichzeitig, und ohne gegen den Strom zu schwimmen, Kleider mit hoher, normaler oder tiefer Taille, enge und weite, lange und kurze anbieten und verkaufen kann, ist ein idealer Zustand.

Doch wissen Modefachleute aus Erfahrung, daß die Frau die "Fesseln", die ihr die Mode anlegt, gar nicht abwerfen will, ja, daß sie sich gern gewissen zeitgemäßen, aus Paris kommenden Richtlinien unterwirft, um ihren "Status" zu erhöhen, immer wieder anders und aufs neue anziehend zu wirken. Wenn diese Richtlinien fehlen oder nur mit Mühe aufzuspüren sind, liegt die Gefahr nahe, daß die Frau nicht in Versuchung geführt wird, ihre Kleider zu erneuern und gelegentlich ihr Aussehen radikal zu ändern. Es wäre ein Armutszeugnis, wenn Haute Couture und allgemeine Mode diese Uniformität zuließen und die Banalität der Massen wäre alle subtile Verfeinerung verhinderte.

Ob der in den acht Tagen der Pariser Schauen bereits zu Tode gehetzte Vamp demnächst das Alltagsbild beherrschen wird, ist noch nicht zu übersehen. Wie M. Jacques Heim, der Präsident des Haute-Couture-Syndikats in einer aufschlußreichen Rundfunkrede immer wieder betonte, kann man von einer neuen Moderichtung erst dann sprechen, wenn es sich herausstellt, welche Modelle aus den hehren Hallen des Couture-Quartiers auf die Straße gelangt sind. Inzwischen wird versucht, das Gesamtergebnis der in vielen und unterschiedlichen Facetten glitzernden Winterkollektionen zu etikettieren: Schlagworte wie "Garçonne", "Charlestön", "Gamine" und "Poiret" (nach dem Dior der zwanziger Jahre) müssen als Wegweiser herhalten. Wie viele Versuche, irrationale, schwer zu definierende Zeiterscheinungen auf eine Formel zu bringen, so pflegen auch diese zu hinken. Doch sind diese wackelnden Vergleiche nicht völlig an den Haaren herangezogen: sie mögen der Orientierung dienen; doch um es gleich vorwegzunehmen: Im Grunde genommen hat sich wenig verändert. Zwar bricht die Sehnsucht nach der "guten, alten Zeit", die in diesem Fall ein oder zwei Generationen zurückliegt, bei vielen Kollektionen durch. In düstere Wolken von Witwenkrepp, pechschwarzem Chiffon und Marocain gehüllt, erscheint der "Blaue Engel", der das winterliche Frauenporträt inspirieren soll. Wenn es nicht die knietiefe Garçonne-Taille ist, so lösen glatte Bubikopffrisuren, Haarsträhnen in Fragezeichenform auf der Wange, tief in die Stirn gerückte Topfhüte, lässig um den Körper geschlagene Wickelmäntel, und ellenlange, juwelenbesetzte Zigarettenspitzen die Erinnerung an die Blütezeit des Charleston aus. Je deutlicher aber die Anklänge an damals sind, desto stärker wird die Gewißheit, daß der Vamp mausetot ist. Der Weg von den Pariser Couture-Salons bis zu den Supermarkets ist mit vielen "Wenns" und "Abers" gepflastert: Man ahnt schon jetzt, daß der "Vamp" unterwegs einem Verkehrsunfall zum Opfer fallen wird. Zum Glück haben sich die meisten Modegestalter der historischen Anregungen mit Zurückhaltung bedient. Nur die Friseure und Hutmacherinnen wollen die Köpfe der Frauen zu naturgetreuen Kopien der zwanziger Jahre machen.

Katharina Elisabeth Russell