Der Vorstoß in neue Gebiete, die mit der Schneiderei wenig zu tun haben, ist vielleicht die größte Akzentverschiebung, die das Haute-Couture-Geschäft in den letzten Jahrzehnten durchgemacht hat. Sie zeigt, daß der einzelne nicht mehr von seinen modischen Einfällen, von seinen Ideen leben kann, es sei denn, daß sie sich zur Standardisierung und Massenproduktion eignen. Dies mag auch die Weitherzigkeit und Richtungslosigkeit der heutigen Mode, die unentschlossene Vielfalt der Vorschläge erklären: Je weniger scharf umrissen die neue Silhouette ist, je mehr Aus- und Umwege sich dem Konfektionär bieten, desto sicherer kann er damit rechnen, sein Geschäft zu machen nach der Devise: für jeden etwas. Daß man gleichzeitig, und ohne gegen den Strom zu schwimmen, Kleider mit hoher, normaler oder tiefer Taille, enge und weite, lange und kurze anbieten und verkaufen kann, ist ein idealer Zustand.

Doch wissen Modefachleute aus Erfahrung, daß die Frau die "Fesseln", die ihr die Mode anlegt, gar nicht abwerfen will, ja, daß sie sich gern gewissen zeitgemäßen, aus Paris kommenden Richtlinien unterwirft, um ihren "Status" zu erhöhen, immer wieder anders und aufs neue anziehend zu wirken. Wenn diese Richtlinien fehlen oder nur mit Mühe aufzuspüren sind, liegt die Gefahr nahe, daß die Frau nicht in Versuchung geführt wird, ihre Kleider zu erneuern und gelegentlich ihr Aussehen radikal zu ändern. Es wäre ein Armutszeugnis, wenn Haute Couture und allgemeine Mode diese Uniformität zuließen und die Banalität der Massen wäre alle subtile Verfeinerung verhinderte.

Ob der in den acht Tagen der Pariser Schauen bereits zu Tode gehetzte Vamp demnächst das Alltagsbild beherrschen wird, ist noch nicht zu übersehen. Wie M. Jacques Heim, der Präsident des Haute-Couture-Syndikats in einer aufschlußreichen Rundfunkrede immer wieder betonte, kann man von einer neuen Moderichtung erst dann sprechen, wenn es sich herausstellt, welche Modelle aus den hehren Hallen des Couture-Quartiers auf die Straße gelangt sind. Inzwischen wird versucht, das Gesamtergebnis der in vielen und unterschiedlichen Facetten glitzernden Winterkollektionen zu etikettieren: Schlagworte wie "Garçonne", "Charlestön", "Gamine" und "Poiret" (nach dem Dior der zwanziger Jahre) müssen als Wegweiser herhalten. Wie viele Versuche, irrationale, schwer zu definierende Zeiterscheinungen auf eine Formel zu bringen, so pflegen auch diese zu hinken. Doch sind diese wackelnden Vergleiche nicht völlig an den Haaren herangezogen: sie mögen der Orientierung dienen; doch um es gleich vorwegzunehmen: Im Grunde genommen hat sich wenig verändert. Zwar bricht die Sehnsucht nach der "guten, alten Zeit", die in diesem Fall ein oder zwei Generationen zurückliegt, bei vielen Kollektionen durch. In düstere Wolken von Witwenkrepp, pechschwarzem Chiffon und Marocain gehüllt, erscheint der "Blaue Engel", der das winterliche Frauenporträt inspirieren soll. Wenn es nicht die knietiefe Garçonne-Taille ist, so lösen glatte Bubikopffrisuren, Haarsträhnen in Fragezeichenform auf der Wange, tief in die Stirn gerückte Topfhüte, lässig um den Körper geschlagene Wickelmäntel, und ellenlange, juwelenbesetzte Zigarettenspitzen die Erinnerung an die Blütezeit des Charleston aus. Je deutlicher aber die Anklänge an damals sind, desto stärker wird die Gewißheit, daß der Vamp mausetot ist. Der Weg von den Pariser Couture-Salons bis zu den Supermarkets ist mit vielen "Wenns" und "Abers" gepflastert: Man ahnt schon jetzt, daß der "Vamp" unterwegs einem Verkehrsunfall zum Opfer fallen wird. Zum Glück haben sich die meisten Modegestalter der historischen Anregungen mit Zurückhaltung bedient. Nur die Friseure und Hutmacherinnen wollen die Köpfe der Frauen zu naturgetreuen Kopien der zwanziger Jahre machen.

Katharina Elisabeth Russell