J. M.-M., Hamburg

In Kampen auf Sylt, da steht ein Haus. Zwei Zollbeamte wohnten mit ihren Familien darin, so gänzlich ohne Komfort, daß Leute, die das Haus nicht nur von außen, sondern auch von innen kennen, ausrufen: "Was 45 000 Mark für diese Kate? Dann müßte ein richtiges Haus auf Sylt seine 200 000 Märkten kosten." Es ist in der Tat ein sehr einfaches Haus, und nie wäre davon gesprochen worden, hätte nicht ein Admiral es gekauft.

Sechs derartige Zollhäuser werden auf der Insel Sylt vom Staat nicht mehr gebraucht. Bei zweien haben sich zunächst die Verkaufsverhandlungen zerschlagen – zu teuer. Hier aber die Liste derer, die ein Zollhaus kauften: ein Handwerksmeister, ein Assessor, eine Verkäuferin, ein Admiral. Obwohl die Admirals-Kate am teuersten war, hat hier die Kritik angesetzt: sie sei zu billig abgegeben worden. Ja, wenn man Admiral ist, ja, dann kann man vom Staat wohlfeil kaufen! – so lautete der kritische Unterton. Wie können da der Handwerksmeister und der Assessor von Glück reden, daß sie nicht Admiral geworden sind, und wie erst die Verkäuferin, daß sie keinen Admiral geheiratet hat.

Allerdings, wenn es sich hier nicht um einen prominenten Admiral handelte, so hätte wohl kein Hahn nach seinem Haus gekräht. Aber es handelt sich um Bernhard Rogge, der mit seiner "Atlantis"-Fahrt im Zweiten Weltkrieg sogar den "Seeteufel"-Rekord seines alten Freundes, des Grafen Luckner, aus dem Ersten Weltkrieg, gebrochen hat und dessen "längste Kaperreise der Kriegsgeschichte" den Stoff für ein vielgelesenes Buch und einen umstrittenen Film abgab. Es ist dieser Bernhard Rogge aber ein noch heute aktiver Soldat: Befehlshaber im Wehrbereich I in der nördlichen Ecke Deutschlands. Außerdem ein Mann, in dem sich, solange er schon Offizier ist, preußische Korrektheit, protestantische Frömmigkeit, norddeutsche Weitläufigkeit, demokratische Gesinnung und friesischer Humor verbindet. Er residiert in Kiel, hat in Hamburg eine Wohnung mit großer Terrasse und herrlichem Blick auf die Elbe und dazu noch die erwähnten schönen Eigenschaften. Recht geschieht ihm mit der bösen Kritik! Was braucht er da noch ein Haus in Kampen

Gehören denn nicht neuerdings die reichen Leute nach Sylt, die, wie ein Häusermakler erklärte, glatt 100 000 Mark und mehr für die Generalskate gezahlt hätten – und das bloß aus dem einen Grund, weil es fein, bequem und gesund, ist, ein Haus in Kampen zu haben? Auf diese Frage hat der Admiral schüchtern erwidert, er stamme von der Insel Sylt und möchte auf dem Heimatsand dereinst auch seinen Lebensabend verbringen. Aber kann man sich beim fröhlichen Prominentenjagen auf solche Sentimentalitäten einlassen? Schickt nicht sogar das getroffene Reh noch letzte wehmütige Blicke zum Jäger empor? Na also, Herr Admiral!

Da ist freilich ein ärgerlicher Punkt für die Prominentenjäger: Ehe Rogge das Haus für 45 000 Mark – so "billig" – kaufte, hat ein Sachverständiger den Wert geschätzt, ohne noch zu wissen, daß ausgerechnet der Admiral als Interessent bereitstand. Damit ist – pardauz, vorbeigeschossen! – der prominente Mann aus der Schußlinie heraus. Wenn es jetzt noch auf etwas zu schießen gibt, dann kann es nur auf jene Macht sein, die den Schätzer schätzen ließ, ohne ihm den Namen des prominenten Interessenten zuzuflüstern mit der verstohlenen Bemerkung: "Feste druff." Aber siehe: Auch der Staat erklärte, er fühle sich nicht getroffen. Er dürfe ja nicht zweierlei Moral anwenden: er könne nicht – wie er’s tue – billig Land kaufen, wenn er’s brauche, aber teuer verkaufen, wenn er es nicht mehr nötig habe.

Darüber allerdings kann man zweierlei Meinung sein: Die einen werden sagen, daß der Staat den Steuerzahler neppt, wenn er etwas teuer kauft, was er billig haben kann, daß er aber dem Steuerzahler einen Gefallen tut (auch dem Admiral), wenn er den reichen Leuten etwas für viel Geld verkauft, was ein weniger begüterter Mann (zum Beispiel ein Admiral) bei solcher Grundstücksnachfrage in Kampen sowieso nicht erschwingen kann.