New York, Anfang August

Der Wind des Wandels weht durch Amerika. Er strafft die Segel beider Parteien, er reißt die Widerstrebenden mit und zwingt die Steuerleute auf einen neuen Kurs. Jack Kennedy hat den seinen schon in Los Angeles abgesteckt, Dick Nixon tat es jetzt in der Metropole am Michigan-See. Das Erstaunliche ist: Sie steuern beide fast denselben Kurs, die Übereinstimmungen sind viel größer als die Abweichungen. Der neue Nixon, den die Republikaner vorige Woche auf den Schild hoben, wirkt weit mehr als politischer Zwilling Kennedys denn als Sprößling Eisenhowers.

Es ist dem Vizepräsidenten nicht leicht gefallen, sich zu seiner neuen Gestalt durchzumausern. Die Konservativen seiner Partei, angeführt von Senator Barry Goldwater aus Arizona, trachteten ihm nach dem Skalp; sie verlangten, daß sich die Republikaner eindeutig von dem "totalen Wohlfahrtsstaat" der Demokraten absetzten. Scheelen Blickes wachte überdies Präsident Eisenhower von seinem Ferienhauptquartier aus darüber, daß ja kein Wort der Kritik an seiner Amtsführung in das Parteiprogramm einfließe. Er wollte die Partei auf die Fortsetzung seines Werkes festlegen, nicht auf dessen Reform.

Am Ende freilich erwies sich Nelson D. Rockefeller, der liberale Gouverneur des stimmengewichtigen Staates New York als stärker. Er hatte den Wind im Rücken, der Goldwater und Eisenhower ins Gesicht blies, und Nixon schlug sich in der überraschendsten Volte seiner voltenreichen Laufbahn auf Rockefellers Seite – der Not gehorchend wie dem eigenen Triebe. Denn Richard Nixon ist ein kühl kalkulierender Realist. Er weiß, daß seine Partei seit 1954 in den beiden Häusern des Kongresses keine Majorität mehr errungen hat.

Mehr und mehr haben die Republikaner in den letzten Jahren an Boden verloren. Die Demokraten gewannen 1958 fast zwei Drittel der Kongreßmandate. Sie stellen heute in den Bundesstaaten 34 von 50 Gouverneuren. In 128 der 177 Großstadt-Rathäuser sitzen demokratische Bürgermeister. Und eine Gallup-Umfrage hat jüngst ergeben, daß sich 55 Prozent aller, wahlberechtigten Amerikaner als Demokraten betrachten. Nur 36,7 Prozent gaben sich als Republikaner aus; 8,3 Prozent erklärten sich für unentschlossen oder unabhängig.

Wie aber kann der Kandidat einer chronischen Minderheitspartei Präsident werden, wenn er selber kein Volksheld ist. Wenn zudem der Mythos des Nationalheros, unter dessen Fittichen er groß geworden ist, blasser und blasser wird? Das waren die Fragen, die Nixon sich vorlegen müßte.

Vielleicht hatte er ursprünglich gehofft, es werde ihm im Herbst ein Einbruch in die südliche Hochburg der Demokraten gelingen. Diesen Traum mußte er allerdings begraben, als Kennedy in einem geschickten Schachzug den Südstaatler Johnson zum Kandidaten für den Posten des Vizepräsidenten bestellen ließ. Jetzt bleibt Nixon nur noch die Hoffnung, die unentschiedenen Wähler für sich zu gewinnen und die volkreichen Staaten des amerikanischen Ostens zu erobern. Mit einem erzkonservativen Programm wäre das niemals zu schaffen, auch nicht mit bloßem Beharren auf Eisenhowers Status quo. Dazu bedarf es frischer Akzente und neuer Perspektiven.