Willy Brandt: "Man könnte mehr tun", ZEIT Nr. 30

Die Tragik der heutigen Zeit liegt in einem nicht unerheblichen Maße darin, daß die ungezügelten parteipolitischen Machtkämpfe innerhalb der nichtkommunistischen Welt sich zu den gefährlichen Grundzügen der Politik auswachsen können, die diese nichtkommunistische Welt nach allgemein anerkannter Meinung dem Kommunismus gegenüber anwenden muß, wenn sie ihre Freiheit und demokratische Rechtsordnung nicht aufs Spiel setzen will.

Einer der Grundzüge solcher Politik ist der bei nicht wenigen Politikern der westlichen Hemisphäre zu spürende fromme Wunschgedanke, man könnte mit dem ungestümen Kommunismus friedlich koexistieren und ihn dabei allmählich von seinem programmatisch-ideologischen Beherrschungswillen, der seinen sichtbaren Ausdruck in der anhaltenden Rüstung, der aggressiven Wühlarbeit, den politischen Erpressungen und den Terrors findet, dadurch abbringen, indem man ihm als Antwort darauf mit moralischen Predigten und Appellen begegnet.

Dieser grundsätzliche Irrtum schlägt sich auch im Artikel von Willy Brandt nieder. Man sträubt sich dagegen, begreifen zu müssen, daß es heute noch für einen deutschen Politiker – ich gehe hier von der Annahme aus, daß der Autor des genannten Aufsatzes der SPD-Politiker aus Berlin ist – möglich ist, daran zu glauben und festzuhalten, man könnte die Entwicklung zur Freiheit und zur Wiedervereinigung Deutschlands besser durch die an das Gewissen Und das Nationalgefühl der kommunistischen Minderheit in Mitteldeutschland gerichteten moralischen Appelle vorantreiben. Die wirtschaftliche und militärische Zusammenarbeit der Bundesrepublik mit dem Westen wird vom Autor in diesem Zusammenhang wie ein zwangsläufiges Hemmnis betrachtet; denn er schreibt wörtlich: "... wobei ich dahingestellt sein lasse, ob es jemals richtig war, an einen Automatismus ‚Westintegration – Wiederbewaffnung – Wiedervereinigung‘ zu glauben."

Wie oft muß man daran erinnern, daß die Kommunisten dem deutschen Willen zur Wiedervereinigung auch schon zu jener Zeit das Genick zu brechen versuchten, zu der an die militärische Zusammenarbeit der Bundesregierung weder mit dem Westen noch mit dem Osten zu denken war. Ich denke hierbei zuallererst an die Berliner Blockade von 1948/49. Die Deutschen konnten damals noch und noch schön bitten und an die Rechtsmoral appellieren. Das half nicht. Es half, wie wir alle wissen, nur das Rezept der Entschlossenheit des Westens, die aggressive Gegenseite mit dem Risiko des Verlustes bekannt zu machen. Und diese Methode gilt heute, wie die Praxis uns lehrt, mehr als je zuvor. Sie wäre jedoch eine Null wert, wenn der Westen in militärischer Hinsicht mit dem gegnerischen Kommunismus nicht zumindest auf gleicher Stufe stünde. Zum Westen gehört aber auch die Bundesrepublik.

So sieht die Zwangsläufigkeit der Geschehnisse in der heute so unvernünftigen Welt aus.

Georg Halay, Berlin-Wilmersdorf