Es stellt sich uns die Frage, wie man sich in der Wohnung eines befreundeten Künstlers benehmen soll, ohne diese Freundschaft aufs Spiel zu setzen. Darauf gibt es zunächst nur eine Antwort: Man gehe dieses Risiko gar nicht erst ein. Wenn sich aber ein solcher Besuch beim besten Willen nicht vermeiden läßt, kommt es sehr auf die Sparte an, in der sich der Künstler betätigt.

Zu den gefährlichsten Gastgebern gehörten früher die Komponisten, zumal dann, wenn sie sich nicht mit Sonaten begnügten, sondern Opern schrieben, die sie einem auf dem Klavier vorspielten. Seit einiger Zeit komponieren aber Komponisten nicht mehr auf dem Klavier und können ihre Werke auch dort nicht mehr Vorspielen, was einen durchaus wohltuenden Einfluß auf ihre Freundschaftsbeziehungen hat.

Anders verhält es sich mit Schriftstellern. Literatur kann man immer noch lesen, also auch dem Gast vorlesen. Dazu eignen sich ganz besonders bisher unveröffentlichte Romane. Jede Tasse Tee. jedes Stück Kuchen, die sich der Gast an ihrem Tisch zum Munde führt, muß er sich mit wacher, gespannter Aufmerksamkeit sauer verdienen.

Und damit ist es noch nicht einmal getan. Die Freundschaft mit dem Autor hängt nämlich am seidenen Faden seiner Reaktion auf Details, die dem Künstler besonders wichtig und eindrucksvoll erscheinen. Und ausgerechnet die Autorengattin ist dazu ausersehen, diese Reaktionen zu registrieren und über sie Buch zu führen.

Während man sich nun bei ernsten Themer mit dem Ausdruck verhaltener Anteilnahme begnügen kann, gerät man bei heiteren, ironischer Arbeiten in peinliche Situationen. Irgendwo – aber wo? – sind da immer geistreiche Aperçus und witzige Pointen verborgen, die der Autoi beiläufig fallen läßt; wobei er es dem Zuhörer überläßt, sie mit einem Lächeln oder Lachen zu quittieren, was dann auch noch unter dem drohend musternden Blick der Künstlergattin zu gescheher hat.

Wenn der Dichter schließlich seine Privatlesung erschöpft beendet hat – vom Zustand des Gastes reden wir lieber nicht –, wird man zur Kritik herausgefordert, was fraglos zum gefährlichsten Teil des Besuches gehört. Auch wenn man in seiner Eigenschaft als Freund des Künstler: ausdrücklich aufgefordert wird, sich rückhaltlo zu äußern, so lasse man sich nicht in diese Falle locken. Negative Kritik an seinem Werk schläg sich bei Autoren immer in negative Schlüsse auf den Charakter und das Privatleben des Kritisierenden nieder.

Auch hüte man sich vor Vergleichen mit Vor bildern. Es soll Autoren geben, die einen sofor die Treppe hinunterwerfen, wenn man im Zu sammenhang mit ihrem Werk die Namen Kafk; oder Joyce erwähnt, besonders dann, wenn dieser Vergleich stimmt. Fällt einem gar nicht Besseres ein, empfiehlt sich die Bemerkung, das eben Gehörte habe man weder vom Autor erwarte noch ihm zugetraut.