b. k., Berlin, Anfang August

Seit Mitte Juni quellen die Zeitungen der Sowjetzone über von Selbstkritik. Es fing an mit den Berichten über die Bezirksdelegierten-Konferenzen der SED. Dann kam die Ernennung des Verteidigungsministers Stoph zum Generalbevollmächtigten für Kontrolle und Koordinierung, und anschließend die Plenarsitzung des SED-Zentralkomitees, das Bestandsaufnahme für die gesamte Industrieproduktion machte. Das Ergebnis der Referate und Diskussionen ist wenig ermutigend: Im sechzehnten Nachkriegsjahr ist die Sowjetzone in einer Versorgungskrise,

Auf der Suche nach den Ursachen für die offenkundigen Mängel sparen die Funktionäre um des Prinzips willen zwei mögliche Fehlerquellen vorsichtshalber aus. Nicht die werktätigen Massen – so sagen sie – haben versagt, und erst recht dürfe es keinen Zweifel an der Konzeption der Staatspartei geben. Dafür ist die Kritik an den Funktionärskadern der mittleren und unteren Range um so härter.

Ihnen fehlen – so heißt es – Umsicht, Elan und Wendigkeit. Ihnen fehlt es an "Klarheit in den Köpfen" und an "sozialistischem Bewußtsein", und deswegen haben sie schleunigst in einem Rigorosum, das auf 500 Tage befristet ist, weil bis zu diesem Zeitpunkt die Pro-Kopf-Versorgung der Bundesrepublik erreicht oder gar übertroffen sein soll, die Scharte auszuwetzen – ohne das nötige Geld, ohne die dringend erforderlichen Rohstoffe, mit einem überaus schwerfälligen und hoffnungslos überorganisierten Staatsapparat und bei einem beängstigenden Mangel an Arbeitskräften.

Wie einst zu Zeiten der Oktober-Revolution ergeht der Ruf "an Alle!", mitzuhelfen, daß das Obst unverfault auf den Tisch des Verbrauchers kommt, daß die Hausfrauen sich auf eine geregelte Zufuhr in ihren Gemüse- und Kartoffelläden verlassen können, daß die Schuhproduktion nicht stagniert, weil irgendwo in der Sowjetzone nicht genügend Kälber geschlachtet wurden, daß die Verbrauchsgüter aller Art nicht erst auf langen und kostspieligen Umwegen den Verbraucher erreichen – kurz, daß alles so glatt läuft wie überall dort in der Welt, wo nicht um ideologischer Prinzipien willen Phantasie, Arbeitslust und Verantwortungsbewußtsein erstickt wenden.

Die Planökonomen der Sowjetzone haben bisher erfolglos mit den chronischen Sorgen ihres Apparates gekämpft, ohne daß sie davon allzu starken publizistischen Gebrauch hätten machen dürfen. Warum aber gerade jetzt? Es gibt noch keine verläßliche Antwort auf die Frage, was die Sowjetzonen-Regierung veranlaßte, gerade jetzt den mageren Ertrag ihrer nationalökonomischen Bemühungen noch schlechter zu machen, als er ist. Es kann nicht allein die drängende Unzufriedenheit der Bevölkerung sein. Von ihr haben sich die kommunistischen Funktionäre noch nie das Gesetz des Handelns vorschreiben lassen. Aber es gibt auch propagandistische Fernziele, an die gedacht werden könnte. Wenn es nämlich binnen der bevorstehenden 500-Tage-Frist zu Verbesserungen käme, die zwar noch keineswegs befriedigend zu sein brauchten, so könnten sich diese auf dem jetzt so düster grundierten Bild der Versorgungslage als ein Erfolg ausnehmen.