Von Walter Abendroth

In dieser Woche steht die bayrische Landeshauptstadt völlig im Banne des Eucharistischen Weltkongresses. Die mächtigste, umfassendste und glänzendste Glaubensdemonstration der christlichen Menschheit gibt für mehr als acht Tage dem gesamten Leben der Eingesessenen wie dem der vielen Hunderttausenden von Gästen das Gepräge. Was nämlich diesen Kongreß von den vielen andern, an die man hier längst gewöhnt ist, unterscheidet, ist: daß er sowohl räumlich wie auch in seiner geistigen Ausstrahlung, trotz des Mittelpunktes auf der Theresienwiese, nicht irgendwo im Stadtgebiet lokalisiert ist, sondern sämtliche Stadtbezirke umgreift, da alle katholischen Gemeinden innerhalb des übergreifenden Rahmens noch ihre eigenen liturgischen Feiern, ihre besonderen Tagungen durchführen.

Überhaupt ist der Name Eucharistischer Kongreß eigentlich nur die zusammenfassende Bezeichnung für ein riesiges Bündel von Kongressen und Tagungen, die neben den repräsentativen kirchlichen Massenveranstaltungen herlaufen und einander während dieser Woche ablösen, zum Teil auch bereits vor dem eigentlichen Kongreßbeginn stattgefunden haben.

Sie alle haben natürlich ihren besonderen Bezug zum Gedanken der Eucharistie und zu dem Motto Pro mundi vita – gleichviel, ob es sich um die Begegnungen der zahllosen katholischen Laien-Organisationen, um Theologengespräche, Ordenstagungen, Seelsorgertreffen, pädagogische Aussprachen, Missionsveranstaltungen, Unternehmer-, Ärzte- oder Künstlertagungen handelt (der "Unterkongresse" dieser Art sind allein 23 an der Zahl!). In diesen Filialtagungen werden die praktischen Folgerungen aus der eucharistischen Gesinnung beraten und erarbeitet.

Es scheint geboten, in diesem Zusammenhange den Inhalt und die Bedeutung des Begriffs "Eucharistie" genauer zu erläutern. Wörtlich besagt er "Danksagung". Seine jetzige Sinndeutung umfaßt sowohl das Altarsakrament an sich wie die Ausübung des Meßopfers, als Dank für die Einsetzung des Abendmahls verstanden. Die Eucharistia ist die Zentralangelegenheit der katholischen Kirche. Da sich aber nach ihrer kompromißlosen Lehre das Christentum nicht in der Sonntagsheiligung und im Kirchgang, nicht einmal in wirklicher persönlicher Frömmigkeit erschöpfen kann, sondern volle Wirklichkeit nur besitzt, sofern es das ganze Leben des Christen bestimmt (das heißt auch: sofern es ganz und gar nicht "Privatsache", sondern Verpflichtung und Auftrag für alle Lebensgebiete ist), so ergibt sich von selbst, daß von der religiösen Idee der Eucharistie Verbindungen zu jeder alltäglichen Arbeit führen.

Reizt also jemanden – beispielsweise – die Existenz eines "katholischen Ärzte-Verbandes" zu der Frage, ob es denn eine besondere katholische Medizin gebe, so lautet die Antwort: natürlich gibt es die nicht; aber es gibt eine von entsprechender Glaubenshaltung bestimmte Einstellung zu den Problemen des ärztlichen Berufs, die sich von anderen Einstellungen wesentlich unterscheidet und daher in manchen Punkten auch andere Entscheidungen verlangt.

Die bloßen Zaungäste des Weltkongresses werden freilich von solchen Erwägungen kaum angefochten. Ihnen gibt die weitgespannte Peripherie des Ereignisses genug Beschäftigung für Augen, Ohren und "Gedankenfach". Da kommt erst einmal der zeitgemäße "Zahlenwahnsinn" reichlich auf seine Kosten. (Einiges davon wurde in der ZEIT Nr. 29 vom 15. Juli bereits berichtet).