Marion Gräfin Dönhoff: "Aufruhr im Kongo", ZEIT Nr. 29

Ich habe während der letzten sechs Jahre im Kongo gelebt. Als ich dort die Artikel von Gräfin Dönhoff über Afrika und den Kongo las, war ich von der Treffsicherheit der Darstellungen beeindruckt. Die örtliche Presse zitierte sogar Auszüge.

Gestatten Sie mir jedoch zu dem Leitartikel "Auffuhr im Kongo" ein paar Bemerkungen, und zwar zu dem Globalvorwurf, die Belgier hätten die Unabhängigkeit ungenügend vorbereitet.

Man darf Zentralafrika nicht vergleichen mit den Küstengebieten, also den ehemaligen französischen Kolonien oder den einst englischen Westafrikas. Der Kongo wurde ja als letztes erschlossen, es gibt noch jetzt weite Gebiete, wo die Schwarzen kaum je einen Weißen zu Gesicht bekommen. Immer gab es zu wenig Weiße für die Durchführung der großen Programme. Bis zuletzt regierten die Belgier mehr "indirekt", durch die Stammes- und Sippenführer und durch ausgewählte und geschulte "Chefs". In Usumbura, der Hauptstadt von Ruanda Urundi, meinem letzten Wohnsitz, gab es 1959 3800 weiße Einwohner, gegen Ende des Zweiten Weltkrieges aber nur 350 Weiße. Und das in einem Gebiet, in dem etwa ein Viertel aller von den Belgiern regierten Eingeborenen leben.

Die systematische Einflußnahme durch Schulen und persönliches Beispiel in einem großangelegten Programm begann für die breite Masse der Primitiven erst nach dem Zweiten Weltkrieg und wurde durchgehalten bis zur Ablösung des letzten "starken" Generalgouverneurs Petition 1958. Nachdem die früher starke Stellung des Generalgouverneurs in Leo entmachtet worden war, begannen die Innenpolitiker aus Brüssel sich der Kongo-Politik zu bemächtigen. Die örtliche Verwaltung wurde immer machtloser und durch immer mehr neue Direktiven verwirrt. Es setzte ein rascher Verfall der Autorität ein. Randalierende Tunichtgute, die es in allen Ländern gibt, und gelenkte Agitatoren konnten sich nach und nach immer mehr erlauben, ohne daß eingegriffen werden durfte. Die von Brüssel dekretierte nachsichtige Haltung wurde sofort als Schwäche ausgelegt. Der Polizei waren die Hände gebunden. Kriminelle Delikte wurden praktisch nicht mehr geahndet – worunter die kooperativen ehrlichen Schwarzen am meisten zu leiden hatten. Wenn ich meine Erfahrungen in anderen "unterentwickelten Gebieten" mit denen im Kongo vergleiche, so haben sich die Schwarzen im großen ganzen erstaunlich vernünftig verhalten.

In den Jahren meiner Arbeit im Kongo sah ich die schnelle Wandlung, die Folge der systematischen Heranführung der Schwarzen an die Aufgaben in einer modernen Wirtschaftsordnung und Gesellschaft: Immer mehr ehemals von Weißen ausgeübte Funktionen gingen planmäßig auf die Schwarzen über, bis schließlich gegen den Rat aller Kenner der Verhältnisse von Brüssel plötzlich "der Sprung ins Ungewisse" befohlen wurde. Nicht den bisher bereits Verantwortung tragenden Stammesführern und Verwaltern, sondern gänzlich neuen Männern ohne Erfahrung sollte über Nacht die gesamte Verantwortung aufgebürdet werden. Uns war klar, daß – selbst bei gutem Willen – es für sie sehr schwer sein würde, sich durchzusetzen und die Ordnung aufrechtzuerhalten.

Die Verantwortung für die Katastrophe liegt voll bei gewissen Brüsseler Politikern, denn die Beamten im Kongo mußten ja gehorchen, und die übrigen Weißen, die nicht einmal wählen durften, hatten keine Möglichkeit, ihren Bedenken Nachdruck zu verleihen.