In einer kurzen Notiz gab die Prawda in der letzten Woche bekannt, daß der bisherige Oberkommandierende der Ostblockstreitkräfte Marschall Iwan Konjew aus gesundheitlichen Gründen zurückgetreten sei. Seit der Gründung des Warschauer Paktes im Mai 1955 hatte Konjew diesen Posten ununterbrochen inne. Jetzt ist er durch den 57jährigen aus der Ukraine stammenden Marschall Gretschko ersetzt worden. Die Umbesetzung wurde nicht, wie sonst üblich, in der "Chronik" auf der letzten Spalte der letzten Seite der Prawda, sondern als offizielle "Mitteilung" auf der zweiten Seite veröffentlicht.

Die Umbesetzung auf dem Posten des Oberkommandierenden der Ostblockstreitkräfte kommt nicht überraschend. Schon seit längerer Zeit wurde das Bestreben des Kreml sichtbar, eine Reihe prominenter Heerführer des Zweiten Weltkrieges durch neue, jüngere Militärs zu ersetzen. Dies kam besonders deutlich Anfang Mai, zum 15. Jahrestag der Beendigung des Zweiten Weltkrieges (in der Sowjetunion als "Tag des Sieges" bezeichnet) zum Ausdruck. So wurde der Chef des GeneralstabesMarschall Sokolowski abgelöst. An seine Stelle trat Marschall Sacharow bis dahin Oberkommandierender der Sowjettruppen in der Sowjetzone. An die Stelle Sacharows rückte Generaloberst Jakubowski. Auch in den Wehrkreisen Kiew und Baltikum sowie im Oberbefehl der Pazifischen Flotte wurden entsprechende Umbesetzungen vorgenommen.

Der Ende Juli veröffentlichte Rücktritt Marschall Konjews schließt sich folgerichtig an diese Umbesetzungen an. So skeptisch man sonst bei sowjetischen Veröffentlichungen über Rücktritte aus gesundheitlichen Gründen sein mag – diesmal ist eine solche Skepsis wohl kaum begründet. Zumindest gibt es bisher nicht den geringsten Hinweis dafür, daß Marschall Konjew, der bisher stets als Befürworter Chruschtschows hervorgetreten ist, im Widerspruch zur Kreml-Führung geraten sein könnte.

Politisch trat Konjew in den letzten Jahren vor allem als Vorsitzender des Sondergerichts zur Verurteilung Berijas im Dezember 1953 hervor. Auf dem 20. Parteitag im Februar 1956 avancierte er zum Vollmitglied des Zentralkomitees und Anfang November 1957 trat er als Hauptankläger gegen den kurz zuvor gestürzten Marschall Schukow auf.

Konjews Nachfolger, Marschall Andrej Gretschko, ist ebenfalls ein langjähriger Parteigänger Chruschtschows. Der neue Oberkommandierende der Ostblockstreitkräfte, Parteimitglied seit 1928, absolvierte 1935 die Frunse Militärakademie und, nach einigen unbedeutenden Kommandofunktionen, im Jahre 1941 die Generalstabsakademie. Während des Krieges hatte Gretschko militärische Posten in der Ukraine inne; Chruschtschow zog ihn schon damals zu militärpolitischen Beratungen heran.

Nach Kriegsende wurde Gretschko zum Kommandeur des Wehrbezirks Kiew ernannt. Da Chruschtschow in den ersten Nachkriegsjahren ukrainischer Parteiführer war, dürften sich in diesen Jahren die Verbindungen zwischen beiden gefestigt haben. Anfang Juni 1953 folgte die Ernennung Gretschkos zum Oberkommandierenden der Sowjettruppen in der Sowjetzone Deutschlands. Die Niederschlagung des Volksaufstandes am 17. Juni geht somit weitgehend auf sein Konto. Im März 1955, kurz nach dem Rücktritt Malenkows, avancierte Gretschko zum Marschall der Sowjetunion. Während der machtpolitischen Auseinandersetzungen in der Kreml-Führung in den Jahren 1955 bis 1957 stand Gretschko auf der Seite Chruschtschows. Im September 1956, als Chruschtschows Position gefährdet war, wurde Gretschko als einziger Militärführer vom Kreml^chef zu dem Gespräch mit Marschall Tito auf die Krim eingeladen.

Unmittelbar nach dem Sturz Marschall Schukows Ende Oktober 1957 wurde Gretschko zum Oberkommandierenden der Landstreitkräfte der UdSSR ernannt. Mit seiner neuen Funktion als Oberkommandierender der Ostblockstreitkräfte dürfte er nun neben dem sowjetischen Verteidigungsminister Marschall Malinowski in der Militärhierarchie der Sowjetunion und des Ostblocks die höchste Stelle einnehmen.

Wolfgang Leonhard