Eka v. Merveldt: "An allen Straßenecken ‚Große Brüder‘", ZEIT Nr. 30

Zunächst Ihrer Zeitung meinen Dank, daß sie eine ganze Seite der Beilage einem Bericht über die Türkei widmet, die sich ja scheinbar wieder so schnell beruhigt hat und leider ihren Raum, den sie während kurzer Zeit in den Gazetten der Welt einnehmen durfte, räumen muß, um aktuelleren Problemen Platz zu machen.

Was nun den Artikel von Eka v. Merveldt angeht, so sind die Beobachtungen, Dinge, die einfach gar nicht zu übersehen sind (siehe Titel!), als "richtig gesehen" zu akzeptieren. Die Information beschränkt sich jedoch leider auf das Beisammensein mit liebenswürdigen türkischen Gastgebern und auf ein Interview, das ein Revolutionsheld beisteuerte. Der Bericht muß für den Nichteingeweihten den Eindruck hervorrufen, als herrsche in der Türkei jetzt mehr Freiheit. Doch wenn die Autorin dann dem türkischen Poeten aus Moskau das Wort gibt, dann setzt sie ausgerechnet vor das einzige für den Türken begeifbare Wort "Pakistan", mit dem der Sowjettürke eine Verbrüderung vorschlägt, einen – kommentierenden – Gedankenstrich der Verständnislosigkeit. G. Wojtkowiak, Istanbul

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Ihrem Artikel merkt man an, daß Ihre Informationen etwas einseitig von der türkischen Regierung stammen. Man sagt in Regierungskreisen der Türkei, daß die Kurden eine Realität von eineinhalb Millionen Einwohnern seien. Wenn ich nun als ein Kurde aus diesem Lande die Informationen des türkischen Staates als Verleugnung der Tatsachen bezeichne und mit der Anzahl von neun Millionen entgegentrete, werden Sie sicherlich überrascht sein. Aber ich glaube, daß es die höchste Zeit ist, die Tatsachen in das rechte Licht zu rücken. Ich muß gegen die Beschuldigungen, "die Kurien seien roten Einflüssen zugänglich ...", aufs heftigste protestieren. Ich kann mir denken, war im solche Beschuldigungen den Kurden angehängt werden. Man könnte darüber Auskunft erhalten, wenn man die augenblicklich in der Türkei gefangengehaltenen Kurden nach der Begründung für ihre Inhaftnahme fragen würde.

Dazu, daß die Kurden in der Türkei unruhig sind, kann ich nur fragen, wie sollte ein Volk ruhig bleiben, dessen Existenz geleugnet wird, sogar bedroht ist. Kurdische Kinder in Volks- und Mittelschulen werden verhaftet oder aus der Schule verwiesen, weil sie sich weigerten zu sagen, daß sie "Türken" seien. Natürlich kam dieser Zwang unmenschlicherweise von türkischen Lehrern. Es wäre im Interesse der Menschlichkeit und im Interesse dieses notleidenden Volkes, wenn die Menschheitsgeschichte nach Möglichkeit von diesem Schanifleck allmählich befreit werden sollte.

Ich bitte aus politischen Gründen, meinen Namen nicht zu veröffentlichen. ...,München